Martin Walsers Roman „Muttersohn“ zwischen Psychiatrie und Religion

Mit seinem neuen Roman „Muttersohn“: Martin Walser am Schreibtisch im Dachgeschoss seines Hauses im Überlinger Ortsteil Nussdorf am Bodensee. Foto:  dpa

Vor zwanzig Jahren hätte ich so ein Buch überhaupt nicht schreiben wollen und auch nicht schreiben können“, bekannte Martin Walser (84) kürzlich. Tatsächlich ragt der heute erscheinende Roman „Muttersohn“ nicht nur wegen seiner Opulenz aus dem Walser-Werk heraus.

Es ist ein Buch, das von einer ungekannten Altersmilde geprägt ist, durch und durch versöhnlich im Grundtenor und stark religiös-philosophisch untermalt. Das klingt staubtrocken und gedankenschwer. Ist es aber ganz und gar nicht. Trotz vieler tiefsinniger aphoristischer Gedankensplitter erleben wir einen sprudelnden Erzählfluss mit vielen Nebenfiguren, Handlungsschlenkern und Anekdoten.

„Du bist geleitet. Du bist ein Engel ohne Flügel“, redet Josefine (genannt Fini) Schlugen ihrem Sohn Anton Percy ein und erklärt ihm früh, dass zu seiner Zeugung kein Mann nötig gewesen sei, dass er mithin ein besonderes Wesen sei, ein Auserwählter und vor allem ein „Muttersohn“. Percy wird Krankenpfleger im psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen und entwickelt dort außergewöhnliche Fähigkeiten. Seine Ausdauer als „schweigender“ Therapeut bringt ihm rasch eine respektable Berühmtheit ein. Vor laufenden TV-Kameras wird er mit der Frage konfrontiert: „Dass Sie mit Nazareth konkurrieren, ist Ihnen bewusst?“

Seine Mutter Fini, die zweite Hauptfigur im neuen Walser-Roman, hatte viel Pech im Leben. Sie musste sich als Schneiderin allein durchbeißen und erlebte mit den Männern stets Schiffbruch. Dem angebeteten einstigen 68er-Aktivisten Ewald Kainz schrieb sie eine Menge Briefe. Abgeschickt hat sie keinen, nur dem Sohn Percy hat sie daraus vorgelesen.

Auch ihren späteren Lebensgefährten Hugo Schwillk hatte Fini über einen regen Briefwechsel kennengelernt. Dieser Schwillk entpuppt sich als alkoholsüchtiger Prügler.

An der Seite von Mutter und Sohn tummelt sich ein buntes Figurenensemble. Die wichtigste Rolle spielt jedoch Professor Augustin Feinlein (Protagonist der jüngst erschienenen schmalen Novelle „Mein Jenseits“), der feingeistige, leicht esoterische Leiter des Landeskrankenhauses, Reliquienforscher und Percys Mentor. Hinter den Kulissen der Klinik tobt ein von Walser mit viel Liebe zum Detail geschilderter Machtkampf um die Krankenhausleitung.

Percy betätigt sich in seiner Rolle als Therapeut als biografischer Spurensucher. Er soll einen hoffnungslosen Fall übernehmen, einen Suizid-Patienten, der sich allen Therapieversuchen widersetzt: Ewald Kainz, der einstige Angebetete seiner Mutter. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, klinischer Psychiatrie und Religion entwickelt sich eine Parallelwelt.

Martin Walser hat mit „Muttersohn“ neues thematisches Terrain abseits von den Leidenspfaden seiner bekannten Mittelstandsprotagonisten betreten. Auf die Frage, ob er seinen Roman als literarisches Evangelium betrachte, hat Walser jüngst geantwortet: „Frohe Botschaft, das ist es für mich wirklich geworden.“

Martin Walser: Muttersohn. Rowohlt, 505 Seiten, 24,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Peter Mohr

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