Verleihung am 23. Oktober in Darmstadt

Jirgl erhält Büchner-Preis

Reinhard Jirgl Foto: dpa

Als die Mauer fiel, saß Reinhard Jirgl am Beleuchtungspult der Berliner Volksbühne. Viele seiner Freunde waren ausgewandert, der Ingenieur, der nach einer Lehre als Elektromechaniker erst in Abendkursen Abitur gemacht und studiert hatte, doch als Beleuchter arbeitete, damit er nebenbei schreiben konnte, fühlte sich „allein auf einem zerschossenen Schlachtfeld“.

Sechs Manuskripte lagen in seiner Schublade, die in der DDR wegen seiner „nichtmarxistischer Geschichtsauffassung“ nicht erschienen. „Wütend und deprimiert“ habe ihn das gemacht, erzählte er später.

Gestern teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt mit, dass Jirgl am 23. Oktober die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland erhält: den mit 40 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Jirgl reiht sich damit ein in die Liste berühmter Preisträger von Gottfried Benn über Ingeborg Bachmann bis Günter Grass und Martin Walser.

Längst zählt der 57-Jährige gebürtige Ost-Berliner, der zehn Jahre lang bei seinen Großeltern in der Altmark aufwuchs, zu den wichtigsten Gegenwartsautoren. Den hochdotierten Joseph-Breitbach-Preis, den Döblin-Preis und die renommierte Stadtschreiber-Auszeichnung von Bergen-Enkheim hat er erhalten, sein Roman „Die Stille“ war 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Weitere wichtige Werke: „Mutter Vater Roman“, „Abschied von den Feinden“, „Abtrünnig“.

Jirgl habe in „einem Romanwerk von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“, heißt es in der Büchner-Preis-Begründung. „Mit großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft - geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus“ erzähle Jirgl von Aufbrüchen und Katastrophen, Kriegen und Vertreibungen, Teilung und Vereinigung. Dabei lasse er die Umbrüche aus unterschiedlichsten Perspektiven alltäglichen Erlebens gegenwärtig werden. Er mache die Stimmen der Vergessenen und Verschütteten hörbar.

Jegliche heroische Rhetorik über die Wende, die ihm selbst so viele Chancen einräumte, lehnt Jirgl ab. Der „Sakristei-Geruch“ des Revolutions-Geredes ist ihm ebenso zuwider wie die „Geschichtsklitterung“ der DDR-Nostalgiker. Für ihn war die Wende die teils feindliche Übernahme eines ökonomisch und moralisch bankrotten Betriebs. (mit dpa)

Reinhard Jirgl liest am 27. 10., 19 Uhr, in der Gemeinde- und Schulbücherei Lohfelden (Kreis Kassel).

Von Mark-Christian von Busse

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