Joachim Kühns fulminanter Solo-Piano-Auftritt im tif

Schwerstarbeit: Der ganze Körper vibrierte bei Joachim Kühns Gastspiel. Foto: Schachtschneider

Kassel. Joachim Kühn macht keine großen Worte. „Guten Abend“, Verbeugung, Platznehmen am Flügel. Ein kurzer Moment des Innehaltens, tiefste Konzentration, Körperspannung austarieren, die Hände setzen an, ganz sachte, es geht los. Freie Improvisation am Piano, kein Dialog mit anderen, nur auf sich selbst zu reagieren, nur der spontanen Eingebung unmittelbar zu folgen - das ist vielleicht die größte Herausforderung überhaupt für Musiker.

„In den Anfangsjahren geht es darum, viel zu lernen und später darum, alles wieder zu vergessen“, hat Kühn einmal gesagt. Den Kopf frei bekommen, doch voll konzentriert sein und wissen, was man tut. Dass Kühn zu den versiertesten und innovativsten Klaviervirtuosen des Jazz zählt, wurde Mittwochabend bei seinem fulminanten (ersten) Auftritt im tif einmal mehr deutlich.

Kühn lässt sich treiben, folgt der Eingebung. Aber es schälen sich Strukturen heraus, meist mit der linken Hand gespielte kurze Melodiefolgen. Die rechte improvisiert. So entsteht ein Fluss, der einen mitreißt: Du weißt nie, was als Nächstes kommt, wohin die Reise geht. Die Freiheit des Solisten überträgt sich wie von selbst auf die Zuhörer. Kühn gibt alles, Schwerstarbeit am Piano, legt sich vornüber gebeugt in die Tasten, wirft sich zurück, der ganze Körper geht mit, vibriert, wird Teil der Musik.

Nach der Pause erste Worte ans Publikum: Nach den freien Improvisationen von sich werde er nun zwei Stücke von Ornette Coleman spielen. Mit dem großen Free-Jazz-Saxofonisten verbinde ihn seit Jahren eine innige Zusammenarbeit. Was folgt, ist erstaunlich re-laxt. Hört Kühn im inneren Ohr den Saxofonisten dazu, findet ein innerer Dialog statt? Wir wissen es nicht. Die nächste Überraschung: Er intoniert John Lewis’ Modern-Jazz-Quartett-Klassiker „Django“, den man, wie Kühn sagt, lange nicht mehr spielen, weil hören, konnte. Nach gut 60 Jahren wäre es mal wieder an der Zeit – und Kühn gewinnt dem so oft gespielten Klassiker nochmals ganz neue Seiten ab.

Zwei weitere Improvisationen und eine Zugabe für die begeisterten Zuhörer, die einem Jazz-Abend der Extraklasse beiwohnten.

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