Nach Musik von Tschaikowsky

Johannes Wieland bringt in Kassel das Tanztheater „Aurora“ auf die Bühne

Emotionen im Aufruhr: Szene aus dem zweiten Teil mit dem Tanzensemble des Staatstheaters Kassel. Foto: Klinger

Kassel. Zwei Tänzerinnen in Weiß halten wie Nummerngirls ein Schild „DESIRE“ (Sehnsucht, Verlangen) ins Publikum.

Sie zünden das Schild an, die Flammen züngeln und scheinen auch den großen Schriftzug „AURORA“ zu erfassen, der sich von oben herabsenkt. Streicher-Tremoli setzen ein und die Bühne füllt sich mit Tänzern, die nach und nach eine kokonartige Hülle abstreifen.

Erst dann setzt Peter Tschaikowskys „Dornröschen“-Musik mit der Introduktion ein, um sogleich wieder durch Akkordschläge unterbrochen zu werden, ruckartig, wie die Bewegungen des 20-köpfigen Ensembles auf der Bühne.

„Aurora“, das neue Stück des Kasseler Tanzdirektors Johannes Wieland, das am Samstag im gut gefüllten Opernhaus Premiere hatte, entkleidet Tschaikowskys „Dornröschen“-Ballett komplett der Märchen-Handlung und nimmt die psychischen Befindlichkeiten eines jungen Mädchens in den Blick, das, in die Welt geworfen, seine Identität finden muss. Und das heißt vor allem im zweiten Teil: sich seiner Wünsche, seiner Körperlichkeit, seiner Beziehungsfähigkeit bewusst zu werden.

Dabei fühlt man sich an Richard David Prechts Buchtitel „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ erinnert, denn Wieland schreibt seinem Ensemble keine festen Identitäten zu – jede und jeder ist Aurora, die 16-jährige Königstochter.

Wer ist Auzrora? (von links) Lauren Rae Mace, Katerina Toumpa und Gotauté Kalmatavicˇiute Foto: Klinger

Da auch die Musik keine Handlung illustrieren, sondern psychische Zustände wiedergeben soll, hat der Theatermusiker Donato Deliano Teile von Tschaikowskys Musik neu zusammengesetzt, mit eigenen Elementen verbunden und zu einem eindrucksvollen Soundtrack verdichtet.

Dieser Soundtrack wird mit hoher Intensität und starker Emotion vom Ersten Kapellmeister Yoel Gamzou und dem Staatsorchester der Bühne unterlegt. So bezwingend ist die Musik, dass nach dem dramatischen „Pas d’action“ spontan Beifall aufbrandet.

Dem entspricht eine enorme Bandbreite tänzerischer Aktion, bei der sich immer wieder neu Spannung zwischen Gruppenchoreografie und Einzelaktionen aufbaut. Ganz in weiß (Kostüme: Evelyn Schönwald) geht es im ersten Teil um das Individuum, und da scheint das Motiv des hundertjährigen Schlafes auf, wenn die Akteure, die immer wieder Statements am Bühnenmikro abgeben, das große Vergessen thematisieren: „Vergiss Arme, Beine, Herz. Vergiss Herkunft, Zukunft, Religion.“

Um Beziehung, Kampf und Erotik geht es im dynamischen zweiten Teil, die Kostüme sind nun rot und schwarz, und die große Leuchtschrift „DESIRE“ (Bühne: Momme Röhrbein) gerät ins Rotieren. Revueartige Momente bei Rotlicht (Licht: Brigitta Hüttmann) lassen an das alte Paris denken.

Allerdings: So tänzerisch perfekt und ausdrucksstark einzelne Ensemblemitglieder auch aus der Gruppe hervortreten, so bleibt doch die Individuation, die Herausbildung des individuellen Charakters jener Aurora, eine offene Frage. Langer Beifall, teilweise Jubel.

Wieder am 8., 15. und 22.5., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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