Kalifornischer Starliterat hält Lesung auf Deutsch

Jonathan Franzen zu Gast beim Göttinger Literaturherbst

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Zu Gast in Göttingen: Star-Autor Jonathan Franzen.

Göttingen. Jonathan Franzen kokettiert mit seinen Sprachproblemen, bestreitet am Auftaktwochenende des Göttinger Literaturherbstes seine Lesung aber natürlich souverän – auf Deutsch.

Der Vorteil beim Deutschreden ist, dass man viel Zeit hat, sich auf das Verb vorzubereiten. Wenn es in einem Satz dann schließlich auftaucht, kann man es sicher konjugieren.

Der kalifornische Starliterat, dessen neuer Roman „Unschuld“ zu den wichtigsten Neuerscheinungen der Saison gehört, hat in jungen Jahren einige Zeit in Deutschland gelebt, berichtet er den 850 begeisterten Zuhörern in der ausverkauften Lokhalle.

Zwei witzige Telefonate liest der 56-Jährige zum Start aus „Unschuld“ auf Deutsch – einmal Tochter und Mutter, einmal Ex-Eheleute, in beiden Szenen macht man sich Vorwürfe. Dabei wird Franzens Sprachfluss immer geschmeidiger, so dass er sich schließlich an eine Stelle wagt, die er nicht geübt habe: Die Szene, in der die Sichtweise seines Ostberliner Protagonisten Andreas auf die DDR präsentiert wird und in der Franzen die Aussprache deutscher Wortungetüme wie „selbstzerstörerisches Verhalten“ augenzwinkernd zelebriert.

Dann folgt eine Sequenz auf Englisch, „um zu demonstrieren, dass ich kein Analphabet bin“. In der rege genutzten Fragezeit wechseln die Sprachen hin und her. Die von Franzen charmant beantwortete Themenbandbreite reicht von der Umschlaggestaltung für den deutschen Markt (haben die zwei Hände etwas mit dem biblischen Hände-in-Unschuld-Waschen zu tun? „Beste Antwort, die ich je gehört habe“) bis zur Frage nach dem Gesamtzustand der Welt, wo er konstatiert: „Kam es den Menschen nicht immer schon vor, als sei sie aus den Fugen?“

Ob er für die Teile, die in Ostberlin spielen, viel recherchiert hat? „Ich bin nicht sehr gut in Recherche“, gesteht Franzen. Er würde lieber erst etwas erfinden und dann gezielt nur die dort aufkommenden Fakten gegenchecken lassen, für „Unschuld“ etwa von Autor Thomas Brussig. Von dessen Werk er ebenso viel über die DDR gelernt habe wie von der TV-Serie „Weissensee“.

Was sei für ihn typisch deutsch? Das Wort „grrrründlich“ komme ihm in den Sinn. Ebenso „seriousness“, was Franzen mit „erwachsen“ übersetzen würde. Es sei hier möglich, eine erwachsene Unterhaltung über ernsthafte Themen zu führen, was in den USA immer seltener ginge. In dieser Wesensart erinnere ihn Deutschland an seine Eltern. Auf die Verblüffung im Saal der Nachsatz: „Die ich liebte.“

Jonathan Franzen: Unschuld. Rowohlt, 832 S., 26,95 Euro.

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