Kasseler Nachwuchsfilmer erzählt eine Geschichte über Liebe und Sex im Alter

In diesem Musik-Clip sieht Kassel aus wie großes Kino

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Kassel ganz anders: Szene aus "Nostalgic Love" auf dem Soldatenfriedhof in Niederzwehren.

Der Kasseler Regisseur Joscha Bongard hat für die Kölner Synthiepop-Band Bergfilm ein faszinierendes Video gedreht. Es handelt von der Liebe im Alter und könnte der Beginn einer großen Karriere sein.

Wer das neue Musikvideo der Kölner Band Bergfilm sieht, denkt nicht, dass es in Kassel gedreht wurde. In den 60er-Jahren war die Nordhessenmetropole eine große Filmstadt, heute dient sie kaum noch als Kulisse. "Dabei hat Kassel ganz viele cineastische Orte", wie Joscha Bongard über seine Heimatstadt sagt. Einige von ihnen sieht man in seinem siebenminütigen Clip zum Bergfilm-Song "Nostalgic Love" - vom Gloria-Kino über den Südflügel des Kulturbahnhofs und das A.R.M. bis zum Soldatenfriedhof in Niederzwehren. So wie Kassel hier in Szene gesetzt wird, haben viele Einwohner ihre Stadt noch nicht gesehen.

Bongard wohnt mittlerweile in Berlin, aber er sagt: "In Kassel fühle ich mich zuhause und kenne alle Ecken und Enden." Das Gloria-Kino etwa fühlt sich für den 23-Jährigen "alt und ehrlich" an.

Joscha Bongard

Das Kino am Ständeplatz passt zum Thema des Videos, das nicht einfach nur ein Werbe-Clip für den wabernden Synthie-Pop von Bergfilm ist, sondern eine eigene Kunstform ist, mit der eine Geschichte über Liebe im Alter erzählt wird. Bongard fragt sich, warum eine "ältere Liebe nur akzeptiert wird, wenn sie kümmernd ist, nicht aber, wenn sie impulsiv wird". Die Schauspieler Klaudia Golberg und Elmar Gutmann zeigt er nun zärtlich im Bett, küssend im A.R.M. und am Ende gemeinsam am Boden liegend auf dem Soldatenfriedhof in Niederzwehren. Dazwischen sieht man junge hippe Menschen aus der Generation Tinder vor ihren leuchtenden Smartphones - unter anderem in der Göttinger Kirche St. Michael.

Ende April lief "Nostalgic Love" auf dem Potsdamer Studentenfilmfestival "Sehsüchte". Bongard will seinen Clip, den er mit seinem ebenfalls aus Kassel stammenden Kumpel und Ludwigsburger Filmstudenten Jan David Günther als Kameramann sowie einem zwölfköpfigen Team realisiert hat, auch beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest einreichen. Dort erhielt er 2015 eine lobende Erwähnung für seinen Beitrag „Alacritas", der ebenfalls in Nordhessen entstanden ist. Damals drehte Bongard im Reinhardswald, in einer Villa in Harleshausen sowie nächtliche Unterwasseraufnahmen im noch nicht renovierten Freibad Wilhelmshöhe, für das er sich im Förderverein engagierte.

Aus dem Film wollte Bongard dann noch ein Musikvideo machen. Im Internet stieß er auf den ungewöhnlichen Sound von Bergfilm und schrieb die Musiker an, die in der Region seit ihrem Auftritt 2015 beim Homberger Musikschutzgebiet-Festival keine Unbekannten mehr sind. Wenig später war aus „Alacritas“ der Clip zu "Rules" geworden.

Derzeit arbeitet Bongard als Produktionsassistent für die Berliner Firma Iconoclast, die Werbefilme herstellt. "Nostalgic Love" könnte nun aber der Beginn einer großen Karriere werden. Mit dem Video, das im Dezember innerhalb von fünf Tagen in Kassel gedreht wurde und ohne Unterstützung 60.000 Euro gekostet hätte, hat sich der ehemalige Waldorfschüler an der Filmakademie Baden-Württemberg beworben. In den nächsten Tagen stellt er sich an der Eliteschule für den deutschen Filmnachwuchs vor.

Falls es nicht klappt, wird er einen Plan B finden. Bongard hat viele ältere Freunde. In Kassel mähte er einst den Rasen für einen älteren Herrn, mit dem er sich über die Welt austauschte: "Ich finde es wichtig, einen anderen Blick auf bestimmte Situationen zu bekommen." Erst einmal hat er indes dafür gesorgt, dass man Kassel mit anderen Augen sieht.

ZUR PERSON: JOSCHA BONGARD

Alter:

22

Geboren:

in Wolfsburg

Aufgewachsen:

in Kassel

Ausbildung:

Abitur an der Waldorfschule, wo er auch eine Ausbildung zum Elektroniker absolviert hat.

Danach:

Jobbte Bongard im VW-Werk, um eine Reise nach Südostasien zu finanzieren. Anschließend arbeitete er in einer Youtube-Agentur, ehe er Produktionsassistent bei der Berliner Firma Iconoclast wurde.

Privates:

Lebt in Berlin

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