Neu im Kino: Pepe Danquarts unkritische, aber sehenswerte Doku über den Grünen

Mit Joschka im Museum

Er wandelt durch seine eigene Geschichte: Der alte Joschka Fischer betrachtet vor den Augen von Regisseur Pepe Danquart den jungen in einem Filmchen aus den 70er-Jahren. Foto:  X-Verleih

Ohne den Dieb hätte es Pepe Danquarts Dokumentation „Joschka und Herr Fischer“ so wohl nie gegeben. Es war 2005, drei Wochen lang hatte der Regisseur den damaligen Außenminister begleitet. Nun wollte er den Grünen nach einem England-Besuch bei der Ankunft in Berlin filmen. Danquart wartete in einem Café, und in diesen fünf Minuten raubte ein Unbekannter das Auto aus - mit dem ganzen Filmmaterial.

Deshalb und weil Fischer schon zu allem einmal befragt wurde, hat Danquart eine ganz andere Doku gemacht: 140 Minuten lang zeigt er den 62-Jährigen, wie er in einem alten Berliner Heizkraftwerk Filme aus seiner und der deutschen Vergangenheit betrachtet, die auf Glaswände geworfen werden. Wie ein Museumsleiter kommentiert Joschka Fischer, der Sohn von ungarischen Aussiedlern, der ehemalige Steinewerfer, Taxifahrer, Turnschuhminister und Elder Statesman, seine Geschichte. Ohne ihn hätte es die Geschichte dieses Landes so wohl nie gegeben.

Diese sehr schöne Idee ergibt schöne Konfrontationen. Als Fischer auf alten Super-8-Filmen eine Fronleichnamsprozession in der schwäbischen Provinz sieht, erkennt er staunend „Pfarrer Stenge“ wieder.

Solche privaten Momente gibt es wenig. Den Oscar-Preisträger Danquart, der zuletzt ganz intim Radprofis bei der Tour de France und Extremkletterer porträtiert hatte, interessiert der politische Fischer. Der 57 Jahre alte Filmemacher ist selbst ein Altlinker, der seine Sympathie für den Oberlinken nicht verhehlt. Darum kommen auch keine Gegner zu Wort, sondern nur Zeitzeugen wie Daniel Cohn-Bendit.

Das Problem von „Joschka und Herr Fischer“ ist, dass der Protagonist zu manchmal wirr zusammengeschnittenen Videos oft nur wieder das sagt, was er schon oft gesagt hat: dass der Tod des Studenten Benno Ohnesorg zu einer Radikalisierung führte; dass die Männer in der WG „eine andere Schmutztoleranz“ hatten als die Frauen; solche Dinge halt.

„Im Taxi bin ich zum Realo geworden.“

Joschka Fischer

Trotzdem hat der Medienprofi Fischer Sätze parat, die man nicht vergisst. Nach dem Deutschen Herbst 1977 zog er sich zurück und fuhr Taxi, wo er die Buntheit des Lebens kennenlernte: „Im Taxi bin ich zum Realo geworden.“

Dass die Realität in der Politik anders funktioniert, muss er als hessischer Umweltminister erkennen. „Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, weil ich von nichts eine Ahnung hatte“, gibt Fischer selbstkritisch zu. Später ergötzt er sich an langen Ausschnitten von seiner Rede auf dem Bielefelder Parteitag, wo er 1999 den grünen Pazifisten klarmachte, dass Krieg manchmal notwendig ist.

Trotz einiger Längen ist Danquarts Film ein faszinierendes Zeitdokument. All jene, die hoffen, dass Fischer ein grüner Kanzlerkandidat wird, werden die Hoffnung verlieren, weil hier deutlich wird, dass der eitle Fischer ganz anders tickt als die Partei.

Selbst die Turnschuhe, die er bei der Vereidigung im Landtag trug, hatte er angeblich nur angezogen, weil die anderen es nach langen Diskussionen so wollten. Andererseits sagt Fischer auch diesen für ihn so typischen Satz, der alles möglich macht: „Einen gewissen Extremismus habe ich nie abgelegt.“

Genre: Dokumentation

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Matthias Lohr

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