Journalist: „Die Nazis machen, was sie wollen“

Eine Mischung aus Heino und Pokerface: Der verkleidete Journalist Thomas Kuban. Foto: nh

Manchmal stockt einem der Atem in Peter Ohlendorfs Film „Blut muss fließen“. Die Doku, die auf der Berlinale Premiere hatte, zeigt, wie der Journalist Thomas Kuban seit 2003 verkleidet und mit versteckter Kamera Rechtsrockkonzerte filmte.

Da wird der Holocaust schon mal mit einer Version von Mike Krügers Schlager „Der Nippel“ besungen. Wir sprachen mit Kuban, der über seine Person nichts verrät und nur mit Perücke und Sonnenbrille auftritt.

Herr Kuban, wie sicher fühlen Sie sich mittlerweile, nachdem Sie unter Lebensgefahr Nazi-Konzerte gefilmt haben?

Thomas Kuban: Unsicherer denn je. Es werden immer mehr Informationen bekannt, die für die Neonazis wie Mosaiksteine sind. Eigentlich hatte ich mit den Drehs bereits 2007 aufhören wollen, aber dann wollte ich für den Film aktuelles Material haben. Deshalb habe ich weitergemacht, obwohl es risikomäßig nicht mehr zu verantworten war.

Wie wichtig sind Konzerte für die rechte Szene?

Kuban: Sie sind der zentrale Bereich der Neonazi-Bewegung. Mit nichts anderem können junge Leute so effektiv angelockt werden. Es gibt auch Pfadfinderlager, aber das sind keine Massenveranstaltungen. Wenn die Rechten Flugblätter verteilen, werden die einmal gelesen. Liedtexte werden auswendig gelernt.

Ist die NPD immer dabei?

Kuban: Ich habe jedenfalls immer wieder Parteifunktionäre bei Konzerten angetroffen. Jugendliche werden geschickt angesprochen, in dem man beispielsweise ein Lied wie „Fuck The USA“ gegen den Irakkrieg ins Internet stellt. Sie denken: „Die Nazis sind ja gar nicht so böse, wie die Geschichtslehrer sagen.“ Und dann gehen sie halt einfach mal zu einem NPD-Konzert in Gera, wo auch jemand wie der ehemalige Parteichef Udo Voigt redet.

Ist Ostdeutschland das Zentrum?

Kuban: Nicht nur. Erstaunlich war im Osten, dass ich dort auch Metal-Fans und Punks auf Nazi-Konzerten getroffen habe. Vielerorts gibt es keine Berührungsängste zu den Nazis mehr. Aber auch in Westdeutschland existieren Schwerpunktregionen. Bundesweit ist im Verfassungsschutzbericht 2011 von 130 Rechtsrockkonzerten die Rede - und nur zehn Prozent sind aufgelöst worden. Dabei habe ich bei jedem gefilmten Konzert Straftaten dokumentiert. Oft können die Nazis machen, was sie wollen. Es trifft sie jedoch ins Mark, wenn sie merken, dass sie keine Chance haben.

Thomas Kuban: Blut muss fließen –  Undercover unter Nazis. Campus-Verlag, 317 Seiten, 19,99 Euro.

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