Diese Bildsuche ist ein Fortsetzungskrimi

Journalistisches Experiment: Wo ist das seit 1938 verschollene Porträt?

+
Das Schwestergemälde: Dieses Bild, das vom gleichen Maler wie das gesuchte Bild stammt, besitzt Edward Engelberg.

Ein Gemälde hat Leben gerettet. Am Morgen nach der Reichspogromnacht 1938 nimmt die Münchner Jüdin Paula Engelberg ein Bild von der Wand und verlässt die Wohnung.

Stunden später kommt sie mit einem Visum für die Schweiz wieder. So erinnert sich Sohn Edward, der heute 87-jährig in Portland im US-Bundesstaat Oregon lebt. So hat es seine gestorbene Schwester Melly aufgeschrieben.

Was aber ist aus jenem Bild des Malers Otto Theodor Stein geworden? Das verschollene Gemälde will das preisgekrönte journalistische Recherche-Startup „Follow the Money“ (FtM) finden - mithilfe von Medienpartnern wie dem Bayerischen Rundfunk, dem Schweizer und österreichischen Fernsehen, der „Süddeutschen Zeitung“ und dem Deutschlandradio, vor allem aber über soziale Medien (siehe Kasten). Jeder soll sich beteiligen, mitdiskutieren, auf Spurensuche gehen. Auch unsere Zeitung unterstützt das Experiment.

Spätestens seit dem sensationellen „Schwabinger Kunstfund“ fasziniert das Thema Raubkunst ein breites Publikum. In Museen und Forschungseinrichtungen tut sich viel. Gerade hat die Anfang 2015 gegründete Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg 17 Institutionen 1,15 Mio. Euro zur Verfügung gestellt - darunter dem Institut für Ethnologie an der Universität Göttingen.

Interaktive Schatzsuche: Auch eine Graphic Novel planen die Rechercheure von „Follow the Money“.

Das Thema „Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“, wie es die Stiftung sperrig formuliert, hat aber auch Potenzial zum Fortsetzungskrimi zum Mitmachen. Sechs bis acht Wochen lang soll er dauern. Besucht haben die Journalisten, die auch eine Graphic Novel, eine Ausstellung und eine TV-Doku planen, bereits das Bayerische Staatsarchiv und die Bibliothek der Pinakothek. Viele Fragen sind offen: Welche Kunsthändler oder Galerien gab es in Reichweite? Und überhaupt: Warum hat Paula Engelberg genau dieses Bild genommen, nicht Schmuck oder Silber, wofür sie 1948 einen Antrag auf Rückerstattung stellte und 1959 posthum 3600 D-Mark Entschädigung bekam? Wer konnte etwas mit dem Bild des „entarteten“ Malers anfangen?

Das Gemälde, von eher geringem materiellen Wert, steht stellvertretend für Millionen Kunst- und Wertgegenstände, die NS-Opfern abgepresst wurden und die Besitzer wechselten. Es ist kein Matisse und kein Liebermann, die Kunstjagd-Initiatoren sehen es aber gerade deshalb als beispielhaft an für Bilder unklarer Herkunft, die womöglich auf Dachböden oder in Kellern schlummern und noch über manchem Sofa hängen.

Über Zürich ist die Familie Engelberg in die USA ausgereist. Als der Zug die Grenze passierte, brach Jakob Engelberg in Tränen aus. Der Vertreter für Seidenwaren hatte 15 Tage im KZ Dachau verbracht, verstört war er zurückgekehrt. Wenn sich die Familie heute bei Sohn Edward trifft, sitzen alle unter dem Münchner „Schwesterbild“, das ebenfalls von Otto Stein stammt. Dem 1938 verschwundenen Gemälde verdanken 30 Menschen, dass sie am Leben sind.

Mitmachen

Der Weg der Geschichte ist die Story - Ende offen. Das ist die Devise der Kunstjagd. Die Journalisten wollen ihr Vorgehen offenlegen, die Leser, Hörer und Zuschauer mit auf ihre Recherche nehmen, sie zu Komplizen machen. Auf kunstjagd.com gibt es alle Infos zu #kunstjagd sowie jede Woche einen neuen Audio-Podcast zur Suche.

Die Whats-app-Gruppe kann man mit dem Stichwort „Start Kunstjagd“ unter 0157/53257833 abonnieren. Außerdem läuft die Kunstjagd auf Facebook, Twitter und Instagram.

Die Podcast-Serie gibt es außerdem via iTunes und Soundcloud, die Playlist bei Spotify sowie alle Videos bei Vimeo.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.