Ehrendirigent Adam Fischer begeisterte Publikum

Jubel zum Konzert-Auftakt der Gustav-Mahler-Tage in Kassel

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Musik mit Gästen: Adam Fischer dirigierte in Kassel ein Mahler-Konzert, Bariton Stephan Genz (rechts vorn) war der Solist.

Kassel. Adam Fischer dirigierte in Kassel Mahlers Fünfte - Stephan Genz sang die fünf Rückert-Lieder.

Im Jahr seiner Hochzeit mit Alma Schindler vertonte Gustav Mahler diese Zeilen von Friedrich Rückert: „Ich bin gestorben dem Weltgetümmel / Und ruh’ in einem stillen Gebiet! / Ich leb’ allein in meinem Himmel / In meinem Lieben, in meinem Lied“. Im selben Jahr 1902 schrieb Mahler seine fünfte Sinfonie, in der er auf das Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ Bezug nimmt. Mit Rückzug in private Idylle hat dies allerdings wenig zu tun, wie beim Konzert des Kasseler Staatsorchesters zum Auftakt der Gustav-Mahler-Festtage am Samstag in der Kasseler Stadthalle zu erleben war.

Adam Fischer, der Ehrendirigent des Staatsorchesters und Begründer der Mahler-Festtage, ließ in seiner Interpretation der Fünften nichts von dem Schrecken und dem Weltekel aus, den Mahler vor allem in den ersten drei Sätzen in Musik gefasst hat. Dabei lässt Mahler auch kraftvolle Stimmen gegen das Chaos und die Banalität des „Weltgetümmels“ agieren. Im ersten Satz ist es die Solotrompete (Max Westermann), die diesen Einspruch formuliert, im Scherzo wird das Solohorn (Adrian McLeish) zum Widerpart.

Wie dunkel Mahlers Weltsicht tatsächlich ist, daran ließen Fischer und das Staatsorchester schon anfangs im sehr gemessenen Trauermarsch keinen Zweifel. Doch Mahler ist auch ein Kind seiner Zeit und gibt selbst dem Schrecken eine ästhetische Form. Das Faszinosum Adam Fischers ist es, wie souverän er den Klang auch eines entfesselt spielenden Orchesters formt, wie sich höchste Intensität mit prägnanter Rhetorik und Transparenz verbindet. Und er ist ein Meister der Übergänge: Wie er im ersten Satz die Bedrohung in Form eines Geschwindmarsches quasi aus dem Nichts einbrechen lässt, ist große Kunst.

Das als Filmmusik bekannt gewordene Adagietto wird bei Fischer ohne jede Sentimentalität zur weltabgewandten Sphärenmusik. Überraschend versöhnlich nimmt er dann aber das Finale mit seiner etwas erzwungenen Apotheose.

Vielleicht schlug er damit einen Bogen zum erstem Konzertteil, den fünf Rückert-Liedern. Mit seinem wunderbar timbrierten Bariton ließ Stephan Genz da die tiefe Verinnerlichung spüren, die Mahlers Vertonungen hier – anders als bei den Wunderhorn-Liedern – ausmacht. So wurde der feine Pianissimo-Ausklang von „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ gewissermaßen zum Inbegriff dieses Konzerts, das der Unterstützer-Verein des Staatsorchesters „Bürger Pro A“ zu seinem 20-jährigen Bestehen ausgerichtet hatte.

Jubel und Standing Ovations in der gut gefüllten Stadthalle belohnten die Akteure dieses tollen Konzertabends.

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