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Kasseler Schauspielhaus zeigt witzig-turbulentes Stück über die Brüder Grimm

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Von: Bettina Fraschke

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Schauspiel am Staatstheater Kassel „Grimm. Ein deutsches Märchen“ mit: Aljoscha Langel (Carl Grimm, von links), Hegen Oechel (Ferdinand), Jakob Benkhofer (Jacob), Marius Bistritzky (Ludwig Emil) und Katharina Brehl (Lotte) mit ihren Puppen.
An der Werkbank: Aljoscha Langel (Carl Grimm, von links), Hegen Oechel (Ferdinand), Jakob Benkhofer (Jacob), Marius Bistritzky (Ludwig Emil) und Katharina Brehl (Lotte) mit ihren Puppen. © Katrin Ribbe

In einem bunten, lustigen und informativen Abend erzählt das Theaterstück „Grimm. Ein deutsches Märchen“ von Jan-Christoph Gockel und David Schliesing von den Märchensammlern und ihrer Familie.

Kassel – Jacob und Wilhelm Grimm sind Schneeweißchen und Rosenrot der deutschen Wissenschaft. Zurückhaltend und gern für sich der eine, lebendig und draußen Eindrücke aufnehmend der andere – aber am liebsten sich an den Händen haltend, ganz eng in ihrer Zweisamkeit. Jan-Christoph Gockel inszeniert den Theaterabend „Grimm. Ein deutsches Märchen“, der in Mainz jahrelang mit Erfolg lief. Am Samstag feierte eine adaptierte Fassung am Kasseler Staatstheater eine bejubelte Premiere. Slapstick, historische Erklärtexte, Märchen und witzige Exkurse auf der Metaebene rauschen darin rasant ineinander. Zusätzlich haben die sieben Darsteller je eine Handpuppe oder Marionette, die so aussieht wie sie. Das erweitert das Spiel mit den Erzählebenen noch.

Ganz bezaubernd sind diese Figuren, die Michael Pietsch gestaltet hat – charakterstarke Gesichtlein, viel Ausstrahlung. Mutter Dorothea Grimm und ihre Kinder Jacob, Wilhelm, Ludwig Emil, Carl, Ferdinand und Lotte erzählen einander Geschichten. Die Schauspieler verweben das Märchengeschehen mit der Familiengeschichte – Armut, Charaktereigenschaften der Kinder, gesellschaftliche Gesamtlage. Das ist super gemacht, ein Perspektivwechsel, der viele Erkenntnisse bereithält. „Mama, wir wollen Märchensammler werden“, postulieren die beiden Brüder, und die ganze Familie richtet auf einer Werkbank eine Märchenwerkstatt ein.

Dass es ein langer Prozess war, den verkaufsfördernden und ins Weltbild der Romantik passenden Märchenton zu finden, führt Marius Bistritzky alias Ludwig Emil Grimm vor: „Geschmackspolizei hier!“ Es wird gezeigt, wie die Romantiker nach der Volksseele gesucht haben, und dass ihre Veröffentlichungen dennoch nicht unverblümte Notate dessen sind, was alles Grausiges an den Kaminfeuern im Lande erzählt wird. Jacob und Wilhelm haben die Märchen vielmehr aufgehübscht. Vielleicht so, wie sich das Bürgertum die deutsche Volkserzählung vorstellt. Dazu Ludwig Emil: „Ich möchte kein Spielverderber sein, aber diesen Nationalgedanken finde ich irgendwie komisch.“ Exzerpte über die Romantik, über die literarische und politische Großwetterlage um 1800 und auch über Kassel unter französischer Besatzung fließen ins Bühnengeschehen ein.

Zugleich gibt es viel zu schauen. Etwa das kleine Zimmer der Familie, das aussieht wie eine hochkant gestellte Puppenstube, in die die Zuschauer von oben hinschauen (Bühne: Julia Kurzweg) – Perspektivenwechsel.

Außerdem gibt es Rap, ironisierende Texttafeln, Video und Popsongs – nunja, hier wird ein bisschen viel in den Werkzeugkasten möglicher Regieinstrumente gegriffen.

Poetisch wird es, wenn Katharina Brehl im von Sophie du Vinage entworfenen Prinzessinnentüll das Dornröschen gibt und über das Schlafen und Aufwachen nachsinnt: „Wer werde ich sein, wenn ich geküsst sein werde?“ Was bedeutet es, wenn eine Märchenfigur vom Prinz küssend aufgeweckt wird? Michael Pietsch kommt als Wilhelm Grimm auf Freiersfüßen zu ihr, umwirbt Henriette Dorothea Wild, die er später heiratet, doch in dem Moment, wo er die Lippen spitzt, küsst er nicht die echte Frau, sondern die Marionette im Dornröschenkleid.

Eva-Maria Keller begegnet als Mutter Dorothea in ihrer Puppe dem Tod, Aljoscha Langels Puppe träumt als Carl Grimm von der Karriere in Amerika und segelt in einem Papierboot los. Hagen Oechel fantasiert als kränkelnder Ferdinand im Fieber vom wunscherfüllenden Butt und seine Puppe wird zur insistierenden Fischersfrau Ilsebill.

Und Jakob Benkhofer spielt den Jacob Grimm wunderbar tragisch und zergrübelt. Als er nach dem frühen Tod des Vaters in die Rolle des Familienoberhaupts gedrängt wird, muss er den Schmerz im Zaume halten – und er legt wie der treue Heinrich eiserne Bande um sein Herz.

Karten: 05 61 109 42 22.

staatstheater-kassel.de

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