„Gegen das Böse und Blöde“: Heldin Judith Holofernes im Interview

Die neue Mutter der Nation: Judith Holofernes (37), bislang Frontfrau von Wir sind Helden, macht nun allein Popmusik. Foto: Rennecke

Mit ihrer Band Wir sind Helden hat Judith Holofernes deutsche Texte in den Charts salonfähig gemacht. Seit drei Jahren pausiert das Quartett. Holofernes (37) kümmerte sich seitdem mit ihrem Mann, dem Schlagzeuger Pola Roy, vor allem um ihre beiden Kinder.

Ums Elternsein geht es auch auf ihrem sympathisch-schrägen Solodebüt „Ein leichtes Schwert“. In „Liebe Teil 2 - Jetzt erst recht“ heißt es: „Du sagst, ich fühl mich heute nicht so gut, / ich sag Mann, reiß dich zusammen. / Du sagst, dass dir der Kopf wehtut, / ich sag, meiner steht in Flammen. / Du sagst, du bist so müde / ich sag, mir ist so schlecht. Das ist Liebe, / jetzt erst recht“. Ein Mutti-Album auch für den modernen Mann.

Judith Holofernes, eigentlich wollten Sie eine noch längere Auszeit nehmen. Nun haben Sie Ihr Solodebüt aufgenommen. War Ihnen langweilig ohne Musik?

Judith Holofernes: Während der Auszeit habe ich so viel Musik gehört und war auf so vielen Konzerten, dass es quasi aus Versehen zu eigener Musik geführt hat. Musik ist für mich die beste Inspirationsquelle. Hätte ich länger pausieren wollen, hätte ich mir Musikverbot erteilen müssen.

„Ein leichtes Schwert“ bietet schrammeligen Indie-Rock, Afrobeat, Blues und Rock’n’Roll. Sie machen all das, was bei den Helden nicht möglich war.

Holofernes: Ich konnte schon vieles unterbringen bei Wir sind Helden. Aber natürlich kann man den Sachen in einer Viererband nicht so auf den Grund gehen. Irgendjemand würde immer unglücklich sein.

Für die Frontfrau einer Band, die nun Solokünstlerin ist, muss es angenehm sein, plötzlich alles allein entscheiden zu können.

Holofernes: Das würden wahrscheinlich alle unterschreiben. Ich liebe meine Band immer noch, aber wir waren immer sehr gründlich in unserer Basisdemokratie. Die Zeit war nicht unkompliziert. Wenn ich jetzt ein Meeting habe, geht das „Nein, ja, ja, nein, nein.“ Und dann ist das Meeting schon vorbei. Das hat schon was.

Im Song „M.I.L.F.“ nennen Sie sich „Lady Dada“. Woher kommt Ihre Vorliebe für Nonsenslyrik und Tiergedichte, die man in „Opossum“ hört?

Holofernes: Mit zehn war ich glühender Otto-Waalkes-Fan und habe alle mit Rezitationen genervt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Sachen, die ich am besten fand, alle von Robert Gernhardt stammen. Für die ist auch das Lied.

In „Havarie“ heißt es: „Ich bin kein Wrack, aber ich bin eine Havarie.“ Als junge Mutter, sagten Sie einmal, stünden Sie „ständig am Rand des Burn-outs“. Wie ausgebrannt sind Sie gerade?

Holofernes: Die Situation ist immer noch sehr sportlich. Das ist es wahrscheinlich bei allen Eltern, wo beide arbeiten. Aber im Moment habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ein Schuh draus wird. Wir können uns jetzt viel flexibler abstimmen, weil ich ohne Pola auf Tour gehe.

Auf den Albumtitel sind Sie nach Ihrer wütenden Absage an die „Bild“-Zeitung gekommen, die Sie für eine Werbekampagne engagieren wollte. Sie haben daraufhin geantwortet: „Ich glaub, es hackt.“

Holofernes: Kurz nach dieser Aktion habe ich zu Pola gesagt: „Ich muss wieder ein leichteres Schwert führen.“ Ich hatte damals das Gefühl, dass ich mich so in der Welt bewegen muss: spontan, unüberlegt und aus dem Bauch heraus. Dann bin ich mit mir im Reinen.

Sie stört es also nicht, wenn manche Sie als Ikone des Widerstands gegen das Böse und Blöde feiern?

Holofernes: Gegen das Böse und Blöde? Das finde ich großartig (lacht laut). Das ist natürlich nicht meine einzige Aufgabe in der Welt, aber gegen das Böse und Blöde zu kämpfen, steht jedem gut zu Gesicht.

Wird es Wir sind Helden noch einmal geben?

Holofernes: Wir vermissen uns alle sehr, glaube ich. Nur wir vier haben diese absurde Bandgeschichte erlebt. Nur wir vier standen viel zu früh auf der Bühne bei Rock am Ring und dachten, uns kugelt gleich der Kiefer aus. Mir würde es darum das Herz brechen zu sagen, wir machen nie wieder etwas zusammen. Aber ob und wann wir noch einmal zusammenkommen, weiß ich nicht.

Judith Holofernes: Ein leichtes Schwert (Four Music/Sony). Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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