Judith Holofernes for President: Die Band Wir sind Helden in der Stadthalle Kassel

Beliebte Frontfrau: Judith Holofernes hat mittlerweile so viele gute Songs geschrieben, dass Wir sind Helden ihren größten Hit „Nur ein Wort“ in Kassel nicht einmal spielen mussten. Foto: Malmus

Kassel. Selbst Bundespräsident Christian Wulff hätte nicht staatsmännischer auftreten können als Judith Holofernes am Sonntag in der Kasseler Stadthalle.

Die Sängerin der Berliner Band Wir sind Helden trägt ein schwarzes Kleid und gelbe Stiefel. Die koalitionäre Farbauswahl macht sich gut auf der großen Bühne, die die 34-Jährige so riesig findet, dass sie sich mit ihren Bandkollegen „präsidial zuwinkt“, wie sie es nennt.

Elf Jahre nach der Gründung ist das in Berlin, Hamburg und Hannover ansässige Quartett nicht mehr nur das Vorbild für Dutzende andere Drei-Jungs-plus-Frontfrau-Gruppen wie Juli, sondern auch die Konsensband, auf die sich alle einigen können. Der CDU-Politiker Wulff hat sich schon vor einiger Zeit als Fan von Wir sind Helden geoutet. Und die 1700 Zuschauer bilden einen ziemlich repräsentativen Querschnitt der popkulturell interessierten Bevölkerung.

In der 90-minütigen Show, die von der Hannoveraner Vorband Tanner eingeleitet wurde, ist ja auch für jeden etwas dabei: die konsumkritischen Hits wie „Guten Tag“, die noch an die Neue Deutsche Welle erinnern, schrammelnde Gitarrenhymnen wie das Eröffnungsstück „The Geek (Shall Inherit)“ und Gänsehaut-Balladen wie „Bring mich nach Hause“ vom aktuellen Album, das musikalisch vielfältiger ist.

Verstärkung auf der Bühne

Für die Tour haben sich Wir sind Helden daher mit zwei Live-Musikern verstärkt. Holofernes greift zudem zur Ukulele, Bassist Mark Tavassol zum Banjo und Keyboarder Jean-Michel Tourette zum Akkordeon. Holofernes’ Ehemann, der Schlagzeuger Pola Roy, bietet immerhin eine Tanzeinlage, was schon deshalb lustig ist, weil er mit seinem Bart wie ein Talibankrieger aussieht.

Zuletzt waren die vier Musiker selbst auf Kriegspfad. Auf die Anfrage der „Bild“-Zeitung, ob sie für eine Werbekampagne zur Verfügung stünden, antwortete Holofernes mit einem wütenden Brief. Das brachte der Band den Beifall aller ein, die das Blatt für ein Medium der Niedertracht halten.

In Kassel schweigt Holofernes dazu. Auch sonst gibt es keine politischen Aussagen - nicht einmal zum Atomausstieg, den Wir sind Helden seit Jahren fordern und über den nach dem Kernkraft-Unfall in Japan selbst Unionspolitiker wieder diskutieren.

Wir sind Helden haben diesmal gute Laune und spielen „Aurelie“ gar als Eurotrash-Dance-Version. Auch das macht Spaß. Gegen diese Konsensband kann man wirklich nichts sagen - außer vielleicht, dass man schon einen besser abgemischten Sound gehört hat.

Ist aber auch egal, solange es solche Momente gibt wie bei „Denkmal“. Da lässt Holofernes ihre ebenso niedliche wie rauchige Stimme verstummen, und die Fans singen minutenlang den Refrain. Anders als die meisten Politiker weiß sie, wann es gut ist zu schweigen. Judith Holofernes for President.

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