Thema Gaming

Jugendstück des Kasseler Staatstheaters: Im Raumschiff zur Erinnerung

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Erleben virtuelle Abenteuer: Sarah Zelt (Clara, links) und Nadja Duesterberg (Nina).

Kassel. Das Staatsatheater hat ein spannendes Jugendstück erarbeitet, das sich um Computerspiele dreht - und eine traurige Familiengeschichte.

Rolltreppen türmen sich zu einem schwindelhohen Gebirge auf. Ein Labyrinth aus fahrenden Metallstufen. Abwärts geht es dann in einen Dschungel, wo inmitten des Grüngewirrs eine alte Garage steht. Im Hangar eines Riesenraumschiffs sind orientalisch verzierte Schwimmbecken aufgereiht, durch die man in andere Dimensionen tauchen kann. Eine überbordende Fülle an fantastischen Welten öffnet sich im Jugendstück „Every heart is built around a memory“. Die beiden Protagonistinnen Carla und Nina durchwandern Komfort- aber auch Gefahrenzonen und müssen Prüfungen bestehen.

Markolf Naujoks beschäftigt sich in seiner Stückentwicklung, die am Sonntag auf der Studiobühne Tif des Kasseler Staatstheaters uraufgeführt wurde, mit Computerspielen. Marie, die Schwester von Nina und Carla, ist verschwunden und lässt sich in den von ihr entwickelten Computerspielwelten suchen. Die Schwestern müssen dabei Rätsel lösen – bestehend aus Erinnerungen. Was bleibt übrig von einem Leben? Das, woran sich die anderen erinnern. Eine berührende Tiefendimension in einem kurzweiligen und auch spannenden Einstünder.

Eine Spielhandlung gibt es dabei kaum, der einstündige Abend funktioniert fast wie ein Hörkino, narrativ. Nina und Clara erzählen, was sie sehen, durch welche Fantasiekosmen sie sich gerade durchschlagen. Fast wie das beliebte YouTube-Format „Let’s Play“, bei dem man Spielern beim Spielen zusieht, hört man hier dem Erzählen über das Spiel zu – und es eröffnet sich eine Reihe von Andeutungen, durch die man auch Randinformationen über die Familie erfährt, die gerade ein Mitglied verloren hat. Wie die Mutter so drauf ist, die in der Garage nackt Meditationskerzen sucht und gar nicht mitkriegt, wie ihre Tochter dort zum ersten Mal geküsst wird.

Davon hätte sogar noch mehr gutgetan, vielleicht auf Kosten des einen oder anderen Fantasyuniversums. Handgezeichnete Illustrationen von Theda Schoppe (auch Kostüme), die teils bühnenraumgroß projiziert werden, manchmal lässt sie einen ganzen Vogelschwarm durch den Raum und über Kleider und Gesichter fliegen. Auch die gefühlvolle Musik (Naujoks) und witzige Requisiten wie Konfettikanonen und herzige Stormtrooper-Rüstungen aus Wellpappe bieten zum Erzählfluss das nötige Augen- und Ohrenfutter.

Die beiden Gastdarstellerinnen Sarah Zelt als Bratsche spielende Clara und Nadja Duesterberg als große Schwester Nina füllen den Raum mit Leben, meistern das oft direkt an die Zuschauer gewandte Erzählen prima, bestechen durch große jugendliche Glaubwürdigkeit in ihrem traurig-aufgewühlten Gefühlsmischmasch.

Ab 12, wieder am 8., 10.9., Karten: 05 61 / 10 94 222.

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