Neu im Kino: Aki Kaurismäki ist mit „Le Havre“ ein bewegendes Flüchtlingsdrama gelungen

Der Junge aus dem Container

Einsamkeit: Idrissa (Blondin Miguel) muss sich als illegaler Flüchtling verstecken. Foto:  dpa

Es dauert eine Weile, bis die Polizisten den verdächtigen Container geöffnet haben, der durch einen Softwarefehler statt in Großbritannien in Le Havre gelandet ist. Als das Schloss endlich nachgibt, schauen sie sich lange an: die Ordnungshüter und die Flüchtlinge aus Afrika, die die Ereignisse abwarten. Durch die plötzliche Konfrontation der Welten scheint die Zeit stillzustehen. Dann nutzt ein Junge die Irritation zur Flucht, ein Polizist zielt mit der Waffe auf ihn, aber der Vorgesetzte im schwarzen Trenchcoat hält ihn zurück. Der junge Flüchtling wird in Aki Kaurismäkis neuem Film „Le Havre“ zum moralischen Zentrum der Geschichte.

Der Schuhputzer Marcel Marx (André Wilms) und seine Ehefrau Arletty (Kati Outinen) leben in Armut, aber mit einer aufrichtigen Zuneigung füreinander. Dennoch zögert Marcel nicht lange, als er mittags am Kai auf den minderjährigen Flüchtling trifft, und versteckt Idrissa (Blondin Miguel). Wer illegalen Immigranten hilft, macht sich strafbar. Trotzdem webt sich um das Schicksal des Jungen von dem Schuhputzer bis zum Gemüsehändler ein nachbarschaftliches Netz der Solidarität.

Die Filme von Aki Kaurismäki standen immer fest an der Seite der Unterdrückten. Mit „Lichter der Vorstadt“, „Der Mann ohne Vergangenheit“ und „Die Wolken ziehen vorüber“ widmete er zuletzt eine ganze Filmtrilogie den Verlierern der westlichen Sozialabbaugesellschaft. In „Le Havre“ weitet Kaurismäki nun den Blick auf den moralischen Konflikt, in den die europäischen Staaten durch Globalisierung und Migration geraten. Dabei kommt „Le Havre“ für einen Kaurismäki-Film optimistisch daher. Trotz seiner expliziten tagespolitischen Bezugnahme bleibt Kaurismäki seinem strengen Kompositionsstil treu. Die Kamera ruht lange forschend auf den Gesichtern der Darsteller, die ihre Emotionen nur durch minimale mimische Veränderungen erahnen lassen. Mit lakonischer Tiefe und jederzeit als durchkomponiertes Kinomärchen erkennbar zeigt „Le Havre“ das, wofür Hollywood zu sentimentalen Heldengemälden ausholt: Menschen, die anderen helfen, weil das zum Menschsein einfach dazugehört.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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