Ein in den Nachkriegswirren in Bad Wildungen verschollenes Kasseler Gemälde kehrt 70 Jahre später zurück

Junge Frau für Alte Meister

Stammt ursprünglich aus Venedig: „Weibliches Bildnis“. Foto: mhk

Kassel. Manchmal werden Kunsthistoriker zu Kriminalisten – gerade, wenn es um die in der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig verschobene Kunst geht. Nach 70 Jahren ist nun ein am Ende des Zweiten Weltkriegs verschollenes venezianisches Gemälde des 16. Jahrhunderts aus den USA in die Gemäldegalerie Alte Meister nach Kassel zurückgekehrt. Lückenlos lässt sich dessen Geschichte nicht aufklären – dass die Rückkehr einvernehmlich, ohne juristische Streitigkeiten möglich wurde, ist um so erstaunlicher.

Bereits 1939, so erzählt Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie, hatte es Planungen gegeben, die landgräfliche Kunstsammlung auszulagern. Eine „Spitzenauswahl“ brachte man in einen Banktresor des Kunsthistorischen Museums Wien. Weitere Gemälde gingen in den Bunker Breiter Hagen in Bad Wildungen. Er wurde am Kriegsende aufgebrochen und geplündert – ob durch Soldaten der US-Streitkräfte, durch die Bevölkerung oder beides, ist nicht mehr zu klären. Jedenfalls tauchten in den 70ern und 80ern einzelne Bilder im amerikanischen Kunsthandel auf. Dann wurde es ruhig um die aus Bad Wildungen immer noch 100 vermissten Bilder.

Bis der New Yorker Sammler Adam Williams ein 60 x 45 Zentimeter großes „Weibliches Bildnis“ bei Sotheby’s einlieferte. Das Auktionshaus erkannte es aufgrund der Angaben in der Datenbank Lost Art des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste Magdeburg (www.lostart.de) als vermisstes Werk und nahm Kontakt mit dem Kasseler Museum auf. „Hier hat der Kontrollmechanismus des internationalen Kunstmarkts funktioniert“, sagt Thomas Wurzel, Geschäftsführer der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Dass das Bild auf die Wilhelmshöhe zurückkehren konnte, sei der Bereitschaft des Sammlers zur Rückgabe und der finanziellen Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung zu verdanken, betont Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen-Kassel (MHK). Intensive Verhandlungen brauchte es aber doch, Monate lagerte das Bild dann noch im US-Zoll.

Die Rückgabe juristisch zu erzwingen, wäre aussichtslos gewesen, so Küster. Der Diebstahl ist verjährt. Man hätte dem Besitzer, der das Bild im Kunsthandel in Phoenix, Arizona, gekauft hat, nachweisen müssen, dass er es wissentlich als Diebesgut erstanden hat. Sotheby’s hatte das Bild für einen „höheren fünfstelligen Betrag eingeordnet“, erworben wurde es für einen „geringen Prozentsatz des Marktwerts“. Genaue Summen werden nicht genannt.

Ersetzt wurden dem Besitzer auch die Kosten des neu angefertigten Rahmens. Der alte, irgendwann schwarz gestrichene lag noch leer im Depot in Kassel, ein Foto des Bildes gab es auch, sowie einen Eintrag in die Inventarliste. All das erleichterte es, den Besitzer zu überzeugen, dass die junge Frau aus Venedig wieder in den Kreis der Alten Meister gehört.

Ob mit weiteren wertvollen Entdeckungen zu rechnen sein wird? Gut möglich, sagt Lange, falls die Erben jener Soldaten, die Bilder quasi als Souvenirs mitgenommen haben, die Gemälde loswerden wollen. Das Bewusstsein für deren zweifelhafte Herkunft sei gewachsen, die weltweite digitale Vernetzung erleichtere die Provenienzforschung. Hauptwerke der Sammlung seien nicht nach Bad Wildungen gegangen, aber „Schrott hat man sicher auch nicht ausgelagert“.

Von Mark-Christian von Busse

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