Das Junge Theater Göttingen macht aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“ ein witziges Bühnenstück

Sie teilen Spaß und Frust: (von links) Franziska Lather (Magalie), Jan Reinartz (Philippe) und Peter Christoph Scholz (Driss). Foto: Heise

Göttingen. Einen erfolgreichen Film auf die Bühne zu bringen, ist deutlich komplizierter, als einen Bestsellerroman zum Theaterstück zu machen. Denn da sind ja die Bilder, die jeder, der den Film kennt, im Kopf hat. Am Jungen Theater in Göttingen hat man sich eine Menge einfallen lassen, um aus dem französischen Film „Ziemlich beste Freunde“ von Olivier Nakache und Éric Toledano, der 2011 die Kinocharts stürmte, ein unterhaltsames Bühnenstück zu formen.

Die von Gunnar Dreßler erstellte Bühnenfassung setzt Regisseur Axel Richter, der auch die Bühne und die Kostüme gestaltete, als vor einem blauen Glitzervorhang als revueartige Folge von kurzen Szenen um, die anfangs von Franziska Lather anmoderiert werden.

Vielleicht braucht eine Filmkomödie im Theater einen Extra-Schuss Ernsthaftigkeit: Zu Beginn jedenfalls stellen sich die Ensemblemitglieder als Teilnehmer einer Diskussionsrunde vor, die aus einer Menschenrechtlerin (Linda Elsner), einem Linguistik-Dozenten (Jan Reinartz), einer naiven Gutmenschin (Agnes Giese), einem Political-Correctness-Verächter (Karsten Zinser) und einem Youtube-Hipster (Peter Christoph Scholz) besteht.

Es bleibt jedoch bei ein paar knappen, klischeehaften Statements – was gut ist, denn die folgenden Szenen haben Pep und sorgen für beste Stimmung im ausverkauften Haus.

Das bekannteste Filmbild – der reiche querschnittsgelähmte Philippe wird vom dunkelhäutigen Arbeitslosen Driss im Rollstuhl durch die Gegend geschoben – wird anfangs mit Schaufensterpuppen nachgestellt. Damit wird ein Bezug zum Film geschaffen. Doch dann hebt die Inszenierung ab. Wie Karsten Zinser als Unterschichten-Junge Driss, der eigentlich nur eine Bewerbungsabsage fürs Arbeitsamt haben will, sich dem distinguierten Philippe ebenso plump wie unbefangen nähert, ist grandios gespielt. Neugier statt Mitleid: Driss übergießt den Gelähmten mit heißem Tee („Der spürt ja wirklich nichts!“) – und auf dieser rauen, aber herzlichen Ebene finden Philippe und sein nun probeweise engagierter Pfleger zusammen.

Später werden die drei Rollen (neben den Protagonisten die ist Hausdame/Tochter Magalie dabei) unter den sechs Darstellern mehrfach durchgewechselt. Höhepunkt des eineinhalbstündigen Theaterabends ist die nächliche Szene, in der Driss (nun von Peter Christoph Schulz gespielt) den von Schmerzen geplagten Philippe (wieder Jan Reinartz) zum gemeinsamen Rauchen verleitet und dabei das Thema Sexualität verhandelt wird: Das Gelächter, wenn Philippe gesteht, dass ihm nur die Ohren als erogene Zone bleiben, vertreibt jeden Anflug von Trauer.

Ganz nebenbei wird durch die Göttinger Besetzung evident, dass nicht eine unterschiedliche Hautfarbe Driss und Philippe trennt, sondern die gesellschaftliche Schichtung. Wie die beiden hier dennoch zusammenfinden, ist, wie der smarte Linguist eingang bereits festgestellt hat, ein Traum, ein schöner Traum.

Wieder am 7., 16. und 20.12., Karten: Tel. 0551 / 49 50 15.

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