Junges Dokfest: Filmkritik "Ehre"

Damit Jugendliche für das Medium sensibilisiert werden und qualitätvolle Filme sehen und bewerten lernen, gab es beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest im November wieder die Sektion „Junges Dokfest“.

Hier die Kritiken des Films "Mamnou (Forbidden)".

Kritik 1

Ehre -Was ist das überhaupt?Mit dieser Frage beschäftigt sich der gleichnamige Film, der am Donnerstag dem 10. November 2011 im Gloriakino im Rahmen des Dok- und Videofilmfestes zu sehen war. Zu einer Uhrzeit, wo man wohl eigentlich am Kaffeetisch sitzen würde, sieht man plötzlich Jugendliche aus fragwürdigen Verhältnissen und setzt sich instinktiv mit seinen Vorurteilen gegenüber Ausländern und merkwürdig erscheinenden Gestalten auseinander, denen man normalerweise eher aus dem Weg gehen würde.

Ganze 87 Minuten lang werden die Ohren einer Sprach-Folter ausgesetzt, die deutsche Sprache missbraucht und verunstaltet. Dennoch ist die Neugierde geweckt: Was sind ihre Beweggründe, so aggressiv zu reagieren, wenn es um ihre Ehre geht?

Aber die Enttäuschung folgt. Sie können es nicht einmal begründen. Noch schlimmer: Sie können teilweise den Begriff Ehre nicht einmal definieren.Abdullah meint, es verletze seine Ehre, wenn seine Schwester einen Freund hat. Noch schwieriger werde es, wenn er ihn nicht ausstehen kann.Allgemein reagieren viele Jugendliche mit aggressivem Verhalten, wenn es gegen die Familie geht. Wieso? Der Film begleitet die vorbestraften Jugendlichen auf ihrem Weg zur Gewaltlosigkeit. Man bekommt deutlich zu spüren, wie sie zu ihrer Strafe stehen und ob sich irgendetwas an ihren Verhaltensweisen ändert. Der Film wählt eine eindrucksvolle Perspektive und zeigt das Geschehen aus den Augen derer, die selbst betroffen sind. Dennoch: Irgendwann hat man genug von dem Thema und driftet gedanklich ab. Es passierte des Öfteren, wie ich mich dabei ertappt habe, dass meine Gedanken gar nicht mehr bei dem Geschehen auf der Leinwand waren, sondern bei kleinen Belanglosigkeiten, die mir zu dem Zeitpunkt interessanter vorkamen – einklares Zeichen dafür, dass der Film sich zu sehr auf eine einzige Perspektive beschränkt.

Alleine wenn man eine der Schwestern befragt hätte, wäre der Film um einiges interessanter gewesen. Doch das blieb leider aus.Trotzdem regt der Film an, sich zu fragen, was Ehre für einen selbst bedeutet.Wer sich deshalb traut, diesen Film anzuschauen, dem wünsche ich viel Vergnügen und starke Nerven.Übrigens: Abdullah richtet sich momentan gemütlich seine Zelle in der JVA ein. Schwere Körperverletzung wird in Deutschland nun einmal bestraft. Offenbar hat er von dem Anti-Aggressions-Programm nicht viel behalten.

Von Lara Dispot, Jg. 10(Albert-Schweitzer-Schule, Kassel)

Kritik 2

„Alter, was ist für dich Ehre, Abdullah?“ Mit diesem Satz wurden meine Erwartungen an den Film zunichte gemacht. Dabei ist es immer dasselbe Thema, was in Filmen gezeigt wird: Jugendliche Straftäter aus dem Ausland leben in ihren „eigenen Stadtvierteln“ und interessieren sich nicht für die deutsche Kultur. Ihre Vorstellungen von Ehre, Gerechtigkeit und Tradition lässt sich nicht mit dem deutschen Gesetz vereinbaren.

Auch der Dokumentarfilm „Ehre“ von der Regisseurin Aysun Bademsoy behandelt wieder diese Problematik, begleitet straffällig gewordene Jugendliche und legt deren Vorstellungen über Ehre und Kultur dar. Dabei wäre es natürlich auch mal interessant gewesen, andere Perspektiven zu dem Thema „Ehre“ zu sehen, aber die zeigt der Film leider nicht.

Häufig werden Straftaten von Ausländern begangen, da ein Mann seine Ehre verteidigen oder gar zurückgewinnen will. Dies hat viel mit seiner Familie zu tun, denn auch wenn ein eigenes Familienmitglied sie ihrer Meinung nach „entehrt“, scheuen sie nicht davor, den Betroffenen zu bestrafen – sogar bis hin zum Tod.

Auffällig ist im Film nun, dass nur ausländische Jungen nach ihren Ansichten zum Thema interviewt wurden und dass auch in den anfallenden Sozialstunden der Straftäter nur männliche Täter befragt wurden. Aus diesem Grund kam die Rolle der Frau viel zu kurz, was sicher auch verdeutlicht, welche Schwierigkeiten eine Frau in ihrer ausländischen Familie haben kann. Eine Interview-Aussage einesausländischer Junge blieb mir hierbei besonders im Gedächtnis: „Meine Schwester muss um 20:00 Uhr zuhause sein und wenn mir ihr Freund nicht gefällt, kommt der weg oder ich 'schlag ihn kaputt.“ Dies machte natürlich erneut auf die Familienrangordnung aufmerksam und man fragt sich nun, wie die Frauen dazu stehen, denn der Film berücksichtigt trauriger Weise nur die Sichtweisen der Männer.

Zusätzlich zu den zahlreichen Interviews werden Einschübe mit Schauplätzen, an denen Frauen von ihren (Ex-)Männern umgebracht wurden, gezeigt. Diese Ehrenmorde, wenn man sie so nennen will, geschahen aus Wut, Rache und aus Angst, seine Ehre zu verlieren. Diese stillen Passagen sind Szenen, die den Film doch noch tragisch und besonders machen, denn die oft primitive, und grammatisch sicher nicht herausragende Sprache der Interviewten zieht den Film in eine unfreiwillig komische Richtung, die bestimmt so nicht vorgesehen war.

Höhepunkte des Films? Diese Frage lasse ich im Raum stehen. Bis zur Mitte des Films verfolgten die zahlreichen Zuschauer im Gloriakino Kassel den Dokumentarfilm aufmerksam, doch scheinbar gewann zunehmend die Langeweile die Oberhand, sodass man vereinzelt begann, den Kinosaal zu verlassen.

Insgesamt war es also ein sehr einseitiger Bericht und man hätte angesichts des großen Themas „Ehre“ mehr erwartet. Trotzdem war er stellenweise sehr unterhaltsam und ein visuell sehr gelungener Film.

Von Julia Aubel, Jg. 10, 15 Jahre(Albert-Schweitzer-Schule, Kassel)

Hinweis: Die Schülerkritiken sind unbearbeitet übernommen worden und geben nicht die Meinung von HNA Online wieder.

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