Junges Dokfest: Filmkritik "Superstar"

Damit Jugendliche für das Medium sensibilisiert werden und qualitätvolle Filme sehen und bewerten lernen, gab es beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest im November wieder die Sektion „Junges Dokfest“.

Hier eine Kritik des Films "Superstar".

Ein riesiger Saal voller Menschen. Spannungsgeladene Atmosphäre. Eine Bühne, hell erleuchtet. Zwei Menschen im Scheinwerferlicht, eng umschlungen. Aus dem Off die bedeutungsschwere Stimme eines Mannes. So oder so ähnlich könnte man die ersten Eindrücke aus dem Kurzfilm „Superstar“ von Stefan Ewald beschreiben. Doch den ersten Eindrücken folgen kaum neue. Sechs Minuten lang wird die Finalentscheidung der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ von RTL aus dem Jahr 2009 gezeigt. Doch der Schein trügt und was nach sechs Minuten übrig bleibt, ist erst einmal ein großes Fragezeichen. Denn was wie die originalen Fernsehauszeichnungen aussieht, ist zweieinhalb Minuten Bildmaterial, vielfältig aneinandergereiht und mit dem gekürzten Originalton unterlegt. Dies merkt man beim ersten Sehen kaum, alles, was auffällt, ist die widersprüchliche „Reaktion“ auf den Sieg des Kandidaten Daniel Schuhmachers und der Zweitplatzierten Sarah Kreuz auf der Bühne, in Wahrheit einfach eine Diskrepanz zwischen Ton und Bild. Denn bei der Verkündung des Siegers ist deutlich Jubel zu vernehmen, jedoch bemerkt man davon auf der Bühne nichts. Die Kamera behält weiterhin nur die beiden Kandidaten, Sarah und Daniel im Bild, doch anstatt der erwarteten Gefühlsausbrüche laufen den zwei weiterhin nur stumm die Tränen über die Wangen, ohne jede Emotion stehen sie still dort und es sieht doch eher nach Leid aus.

Wenn man den Film ein zweites Mal schaut, und besser auf die Emotionen achtet, sucht man diese vergeblich. Während der Moderator Marco Schreyl durch niedermachende Texte den Lebensweg der zwei Finalisten vorstellt, sieht man die beiden ausdruckslos und teilnahmslos dastehen. Daniel weint, aber nicht aufgrund der Texte, sondern wegen des erheblichen Drucks. Als man erfährt, dass die Kandidatin Sarah Kreuz ihren Freund für DSDS verlassen hat, ertönt Applaus von Seiten des Publikums. An dieser Stelle merkt man die Nachbearbeitung des Materials, denn wer findet es schließlich gut, aufgrund einer Castingshow verlassen zu werden?

So ein Kurzfilm ruft zwangsläufig Reaktionen hervor, und wenn es nur Erstaunen oder Verwunderung ist. Es wird mit der Erwartungshaltung des Zuschauers gespielt, der sich während des ganzen Films die Frage stellt, was dies alles zu bedeuten hat.

In unsere Klasse wurde nach dem Film ausgiebig diskutiert. Laut steht die Frage im Raum „Was soll dies?“ Der Film lässt genug Spielraum für Interpretationen. So entstanden Theorien wie die, dass der Regisseur RTL und das Sendeformat anklagen oder gar die Zuschauer solcher Castingshows belehren will.

Dass die wahre Absicht Stefan Ewalds nicht ganz so plakativ war, erfahren wir anschließend im Gespräch mit ihm, nachdem der Film zum zweiten Mal gezeigt wurde.

„Ich wollte mich selbst als Künstler ausdrücken und darstellen“, sagt Stefan Ewald, der kurz vor dem Abschluss seines Kunststudiums steht. Der Kurzfilm sei als einer von drei Teilen eines Projekts zum Thema „Selbstdarstellung“ entstanden. Dieses Projekt bestehe aus drei Teilen, einer Fotostrecke, dem Film und Spruchtafeln mit Kommentaren von Dieter Bohlen. Ob er denn wirklich nicht die Zuschauer solcher Sendungen beeinflussen wollte? „Ich wollte, und das ist mir, glaube ich, nicht so ganz gelungen, Mitleid für diese zwei Menschen erregen.“, sagt Ewald. Sie würden zur Schau gestellt und stünden nachher ohne etwas da. Der kurze Ruhm bringt ihnen im Prinzip nichts. Trotz aller Versprechungen, Träume und Hoffnungen haben sie am Ende nichts Stabiles erreicht. Zum Schluss seist du mit den Nerven runter. Stefan Ewalds Ziel sei also nicht die Niedermachung von RTL gewesen, sondern er wollte zeigen, dass auf den Kandidaten ein enormer Druck lastet, und ihnen diese Show keinerlei Rum bringe.

Prinzipiell weiß jeder, was bei solchen Sendungen geschieht und wie diese vom Wert her einzuordnen sind. Doch bei der Diskussion mit Stefan Ewald wird klar, dass mehr dahinter steckt. Eine psychologische Sache.

„Willst du reich und berühmt werden?“

Wer sagt da schon „Nein!“?

Von Franziska Missler und Sina Stühler, Jg. 10 (Albert-Schweitzer-Schule, Kassel)

Hinweis: Die Schülerkritiken sind unbearbeitet übernommen worden und geben nicht die Meinung von HNA Online wieder.

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