Junges Dokfest: Filmkritik "Versicherungsvertreter – die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker"

Damit Jugendliche für das Medium sensibilisiert werden und qualitätvolle Filme sehen und bewerten lernen, gab es beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest im November wieder die Sektion „Junges Dokfest“.

Hier die Kritiken des Films "Versicherungsvertreter – die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker".

Kritik 1

22 Millionen Euro Schulden innerhalb kürzester Zeit zu fabrizieren war sicherlich nicht Mehmet Gökers Ziel, als er im Jahre 2006 die MEG AG gründete. Dennoch war in Anbetracht dessen, dass keine Geschäftsreise nach New York, kein neuer Ferrari zur Erweiterung des Fuhrparks oder etliche andere Dinge zu teuer waren, der Untergang vorprogrammiert.

Klaus Sterns Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter-Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“ befasst sich mit eben diesem Untergang des Versicherungsimperiums MEG und dem, was zuvor geschah.

Neben selbst aufgenommenem Material von Klaus Stern besteht die Dokumentation unter anderem aus Videomaterial der MEG-AG selbst. So werden beispielsweise Ausschnitte der pompösen 'MEG Awards' gezeigt, bei welchen Mehmet Gökerwie eine Art Gott gefeiert wird, als er die Bühne betritt.Natürlich wird an SpecialEffectssowie am Fremdschämfaktor keineswegs gegeizt.

Situationen wie beispielsweise die Motivationsreden Gökersan seine Mitarbeiter, in denen er sagt, man müsse sich bei der Führung der Firma an der Sowjetunion orientieren, oder Interviews, in denen Göker sich selbst als Nazibekehrer darstellt,weil ein ehemaliger Neonazi,welcher nun für einen Türken ohne Studium (wie Göker selbst sich gerne beschreibt) arbeitet, lassen den Zuschauer buchstäblich daran glauben, im falschen Film zu sein.

Während des ganzen Filmes wird eine Art Sektencharakter der Firma vermittelt. Dieser wird deutlich durch das Tätowieren des Firmenlogos im Büro oder eine Art Heiratsantragauf der Bühne bei den bereits erwähnten MEG Awards, bei welchem Mehmet Göker sich niederkniet und mit Ring und Scheinwerferlicht seinen Mitarbeiter die entscheidende Frage stellt,ob sie immer an seiner Seite arbeiten mögen und ihm eine Art ewige Treue schwören. Auch die Interviews mit ehemaligen Angestellten tragen dazu bei, dass der Sektengedanken im Hinterkopf bestehen bleibt.

Alles in allem lohnt es, sich für 75 Minuten in eine Welt entführen zu lassen, die für uns mehr als unwirklich erscheint. Die Intention des Regisseurs, hinter die Kulissen gucken zu können und sich die Frage zu stellen, wieso Mehmet Göker weiter finanziell von den Krankenkassen gefördert wurde, ist klar erkennbar und wird den Zuschauer über den Film hinaus beschäftigen.

Von Nina Gellert, Jg. 10(Albert-Schweitzer-Schule, Kassel)

Kritik 2

„Ich bereue nichts!“, so Mehmet Göker in seinem Ferienhaus in der Türkei, nachdem er mit 21 Mio. Euro Schulden Insolvenz anmelden und seine Firma für einen Euro an den Wiesbadener Finanzbetrieb Aragon verkaufen musste.

Klaus Stern verfolgt in seinem Dokumentarfilm den rasanten Aufstieg des Mehmet E. Gökers bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem noch nichts von einer Insolvenz zu ahnen war. Der Film zeigt, wie Göker schon in frühen Jahren in der Wohnung seines Elternhauses mit kleinen Aufträgen anfing und schließlich bei der Firma seiner Mutter endete.

Seine eigene Firma leitete er stets nach dem Prinzip: „Eine Firma ist zu leiten wie die ehemalige Sowjetunion, aber auch mit ebenso viel Liebe und Wertgefühl wie bei den Amerikanern.“ Wobei jedoch Letzteres größtenteils auf der Strecke blieb, was beispielsweise an den wenig höflichen Entlassungen deutlich wird, die man durch drei Etagen hören konnte. In Gökers Büro hing ein Bild von Mahatma Gandhi in, der Veränderungen durch Liebe und Mitleid erzielte, und dennoch stellte Göker seine Mitarbeiter vor allen Versammelten bloß und entließ jeden, der auch nur wagte Kritik zu äußern an seinem Konzern oder der Art und Weise, wie er die Firma leitete.

Was mir im Film noch nicht ganz klar wurde ist, wie eine Firma, die 2008 einen Jahresumsatz von über 63 Mio. Euro erwirtschaftete, es schafft, innerhalb kürzester Zeit Insolvenz anzumelden. Wie Mehmet Göker so treffend sagte: „Die Firma mag pleite sein, doch ich bin es nicht!“

Von Pia Günther, Jg. 10(Albert-Schweitzer-Schule, Kassel)

Kritik 3

Es ist dunkel. Dramatische Musik läuft. Die einzige Lichtquelle ist die blaue Bühnenbleuchtung. Eine tiefe Stimme kündigt den Star des Abends an. Alle Anwesenden jubeln, als die Scheinwerfer ihr Licht auf Mehmet E. Göker richten. Kein Spitzensportler, Chartsänger und auch kein Schauspieler lässt die Mitarbeiter der MEG AG in Getöse ausbrechen, sie feiern ihren Chef.

Klaus Stern ist es gelungen, den rasanten Aufstieg Gökers mit seiner MEG bereits zu einem Zeitpunkt zu verfolgen, als noch nichts von seiner außergewöhnlichen Karriere zu ahnen war: vom Anfang als mittelständisches Unternehmen über die Insolvenz, die den Untergang bedeutete bis zum Neuanfang in der türkischen Firma seiner Mutter.

„Versicherungsvertreter“ gewährt uns Einblick in die sektenartige Gemeinschaft, die die MEG AG verband und ihren Anführer, der sie mit Zuckerbrot und Peitsche beherrschte und so stärkte, dass er sich letztlich unverwundbar zu fühlen schien. Die dokumentierten Szenen wirken unglaublich, zum Beispiel als sich einige der Angestellten gemeinsam mit Göker die Buchstaben MEG tätowieren lassen. Die Szene, in der Mehmet Göker vor einigen seiner führenden Mitarbeiter niederkniet, ihnen Heiratsanträge macht und anschließend Siegelringe mit MEG-Logo überreicht, wirkt auf den ersten Blick, als stamme sie aus dem Drehbuch einer Komödie.

Der Filmemacher zeigt uns eine verrückte Geschichte über einen jungen Deutsch-Türken, der in Nordhessen den Ruf eines Prolls hat, und bringt es zustande, diesen trotz seines teils menschenverachtenden Verhaltens stellenweise auch liebenswert wirken zu lassen.

Von Robin Köhler, Jg. 10(Albert-Schweitzer-Schule, Kassel)

Hinweis: Die Schülerkritiken sind unbearbeitet übernommen worden und geben nicht die Meinung von HNA Online wieder.

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