Junges Theater: Gefühlsjunkie trifft Normalos

Eigentlich verstehen sich die drei gut: Gerrit Neuhaus (Werther, links), Linda Elsner (Lotte) und Peter Christoph Scholz (Albert). Foto: Heise

Göttingen. Das Junge Theater in Göttingen zeigt „Die Leiden des jungen Werthers" heutig und hochenergetisch. Donnerstagabend war die Premiere.

Schon wie Werther sich auf den Kunstrasen schleppt. Seinen Gitarrenkoffer dabei, den Verstärker. Ein wenig verpeilt wirkt er im blauen Anzug mit Wolkendruck über maisgelbem Hemd. Unruhig tigert Werther herum, versucht, einen Liedtext zu schreiben. Dieser Typ will kreativ sein, ein künstlerisches Leben führen, aber man sieht schon, dass es hier Anstrengung und vielleicht auch eine Portion Pose gibt, aber noch nicht wirklich künstlerische Ergebnisse.

Wie Gerrit Neuhaus das wortlos zeigt, wie er diesen Gefühlsjunkie zerquält und auch ein bisschen selbstverliebt anlegt, das ist ein gelungener Auftakt für einen kraftvollen Theaterabend am Jungen Theater in Göttingen. Begeistert hat das Publikum den drei Darstellern und André Bücker für Regie und Ausstattung bei der vollen Premiere am Donnerstag applaudiert.

Bücker setzt Astrid Kohlmeiers klug gebaute Bühnenfassung des berühmten Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang von Goethe überzeugend um, holt die Figuren nah an die Zuschauer heran. Schon, indem er sie auf zwei einander gegenübergestellte Tribünen setzt, zwischen denen eine Art Laufsteg aus Kunstrasen ist. Der wird auf der ganzen Länge bespielt.

Werther begegnet Lotte, sie mögen sich gleich, treffen sich oft, doch für ihn ist das Beisammensein bald nicht mehr harmlos. Er verliebt sich. Dazu kommt: Er findet es verlockend, sich in das unglücklich Verliebtsein hineinzusteigern. Linda Elsner spielt Lotte klar, geradlinig und nicht berechnend. Bald kommt ihr Zukünftiger Albert dazu, ein netter, in sich ruhender Typ mit Golftasche. Peter Christoph Scholz zeigt ihn als einen jener Männer, die triumphierend mit dem Zeigefinger auf seinen Gesprächspartner zeigen und schelmisch sagen „Aaaah, fast hättest du mich gekriegt“.

Lotte und Albert haben eine Normalo-Beziehung, Bussis, leidenschaftlichen Sex, eine große, vielleicht etwas oberflächliche Selbstverständlichkeit miteinander. Aber auch die Jungs verstehen sich gut, man mag sich, macht ein Selfie zu Dritt, der exzentrische Künstlertyp ist eine spannende Bereicherung für das Paar.

Die Selbstreflektionen Werthers spricht Gerrit Neuhaus oft zum Publikum hin, verbündet sich mit den Zuschauern: „Ich will sterben und das schreibe ich ohne romantische Überspannung.“ Manchmal lesen auch Lotte oder Albert Werthers Gefühlszustände aus zerknüllten Zetteln ab, machen so den Briefcharakter der Vorlage deutlich. Die dazwischengeschnittenen Dialogtexte sind demgegenüber oft heutig - „Parship“, „glutenfrei“, „megaschön“.

Im Mittelteil kommt die Handlung manchmal nicht recht vom Fleck und Texte, die zur Dröhnmusik in Mikros gesprochen werden, sind nicht gut zu verstehen. Aber die meiste Zeit lässt sich das Publikum von dem hochenergetischen Spiel des Trios mitreißen, es gibt viele Lacher. Und dann, zum Knall bei Werthers Selbsttötung am Ende, schenkt Albert Lotte und sich erstmal ein Sektchen ein.

Wieder am 2., 7., 20.11., Karten: Tel. 0551/495015. www.junges-theater.de

Von Bettina Fraschke

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