„Amerika“ eröffnet Spielzeit

Christian von Treskow inszeniert Kafka für das Göttinger Junge Theater

Variable Kästen als Bühnenbild: Jan Reinartz (von links), Katharina Brehl, Andreas Krüger, Agnes Giese und Julian Dietz.

Göttingen. Regisseur von Treskow inszeniert sein Stück „Amerika“ auf der Grundlage eines unvollendeten Romans von Franz Kafka. Das Publikum zeigt sich begeistert.

Eine ganz eigene Eröffnung der Spielzeit hat das Junge Theater in Göttingen seinem Publikum mit „Amerika“ nach dem unvollendeten Roman von Franz Kafka geboten. Regisseur Christian von Treskow hat für Karl Rossmanns Reise in die Ungewissheit ungewöhnliche Bilder gefunden.

Schon beim Eintritt in den Theatersaal werden die Zuschauer neugierig gemacht. Ein großer transparenter Vorhang erlaubt Einblick ins Dahinter. Erst beim zweiten Blick zeigen sich Figuren – wie eingefroren in menschengroßen Quadern. Wir hören die Geschichte von Karl Rossmann. Mit 16 Jahren wird er nach Amerika verschickt, weil ihn ein Dienstmädchen verführt hat – mit Folgen.

Der Vorhang geht auf: Ankunft in New York. Ungeduldig sind die Passagiere, fast artistisch drängeln sie an Rossmann (Katharina Brehl) vorbei. Immer wieder finden sie neue Wege. Mit fünf Darstellern gelingt es, einen nicht enden wollenden Strom von Reisenden zu kreieren.

Irrweg eines jungen Mannes

Hier beginnt der Irrweg des jungen Mannes – zum Onkel, der ihn plötzlich verstößt, zu Vagabunden, die sich wie Kletten an ihn hängen. Als Liftboy wird er fristlos entlassen – immer weiter wird er abwärts gezogen, bis er schließlich einen – rettenden? – Platz im Oklahoma-Naturtheater findet.

Eine eigene Form hat Christian von Treskow für das kafkaeske Romanfragment gefunden. In seiner Textfassung bringt er die Handlung auf den Punkt, malt die Stationen in treffenden Bildern. Allein mit den leicht bewegbaren, durchscheinenden Quadern schafft er die unzähligen Räume vom Schiffsbug über ein Stück Wegrand bis zum Hotel, wo Rossmann für kurze Zeit als Liftboy sein Auskommen findet. Wenn die Quader fallen, werden Zwänge übermächtig. Aneinandergereiht formen sie das Séparée für die ausgediente Sängerin Brunelda.

Mit typisierenden Kostümen macht von Treskow es den Schauspielern leicht, von einer Rolle in die andere zu schlüpfen. Wie im Breakdance bewegen sich die Akteure, unterstützend trägt sie die Musik von Fred Kerkmann. Stimmungsvoll eingesetzt wird auch das Licht. Besonders eindrucksvoll ist das in der Szene, in der Brunelda gewaschen wird. Von Treskow hat dieses Romanfragment in seine Bühnenfassung aufgenommen. Wie hinter Milchglas sind die Aktionen zu erahnen.

Eröffnung wie ein Wink

Mit Haut und Haar, so sprichwörtlich, haben sich Katharina Brehl, Agnes Giese und Jan Reinartz mit Jacqueline Sophie Mendel und Andreas Krüger, die neu ins Ensemble gekommen sind, und dem Gast Andreas Krüger auf die ungewöhnlich körperliche Form des Theaters eingelassen. 

Mit anhaltendem Applaus und Bravos belohnte das Publikum ihre Leistung. Fast schien die Eröffnung der nun letzten Spielzeit vor dem anstehenden Umbau des Theatergebäudes wie ein Wink, der zeigen soll, wie es in der Voigt-Realschule als Zwischenspielstätte (für zwei Jahre) und nach dem Umbau weitergehen kann.

Info: Weitere Vorstellungen am 11., 19. und 25.9. Karten: 05 51/495015

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