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Junges Theater Göttingen eröffnet Spielzeit mit Büchners „Woyzeck“

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Eindringlich: Michael Johannes Mayer als Woyzeck und Dorothea Röger als Arzt in der „Woyzeck“-Inszenierung im Ausweichquartier des Göttinger Jungen Theaters an der Bürgerstraße.
Eindringlich: Michael Johannes Mayer als Woyzeck und Dorothea Röger als Arzt in der „Woyzeck“-Inszenierung im Ausweichquartier des Göttinger Jungen Theaters an der Bürgerstraße. © Dorothea Heise

Woyzeck gerät an den Rande des Wahnsinns: Was man mit einem Mann alles machen kann, der sein Möglichstes geben will, zeigt am Jungen Theater in Göttingen die Inszenierung von Tobias Sosinka und Christian Vilmar.

Göttingen – Es ist nicht einfach, ein vielgespieltes Stück erfolgreich neu auf die Bühne zu bringen. Mit Georg Büchners „Woyzeck“ in der Inszenierung von Tobias Sosinka und Christian Vilmar ist es im Jungen Theater gelungen. Zur Spielzeiteröffnung hat es eine großartige Vorstellung geboten.

Alles beginnt mit Jahrmarktstimmung. Der Ausrufer (mitreißend: Jan Reinartz) will Zuschauer locken. Im bunten Treiben ist zu sehen: Der Tambourmajor (ein Platzhirsch: Jens Tramsen) interessiert sich für Marie (Fabienne Elisabeth Baumann). Mit ihrem Freund Woyzeck (Michael Johannes Mayer) hat sie Ärger.

Um mehr Geld zu verdienen für seine Marie und ihren unehelichen Sohn, arbeitet Woyzeck als Versuchskaninchen. Drei Monate lang soll er nur Erbsen essen. Der Arzt (wie eine Hexe: Dorothea Röger) kontrolliert: Geht der Puls schneller? Kann der Proband noch klar denken? Auch beim Hauptmann hat Woyzeck einen Job angenommen. Wie im Hamsterrad strampelt er sich ab.

Dass er jeden Groschen zweimal umdreht, zeigt das kleine Portemonnaie, in das er das verdiente Geld hineinzählt, um es bei Marie wieder abzugeben. Erst wie einen Schatz, später eher verächtlich verstaut es diese in einer Schatulle. Baumann spielt eine Marie, hin- und hergerissen zwischen Gewissensbissen und der Anziehung des Tambourmajors, allein durch die verlockende Aussicht, mit ihm den Geldsorgen zu entkommen.

„Woyzeck“ am JT: Ist die Welt ein Gefängnis?

Vielleicht um ländliche Umgebung anzudeuten, spielt das Drama in einem Raum, der von zaunartig aufgestellten Bohlen begrenzt ist; ein Gefängnis für die Menschen, die dort leben? Wechselnde Aushänge in der torartigen Öffnung zeigen mal den Zirkus, der im Ort gastiert, dann die Arztpraxis mit Formeln als Ort der Forschung. Zwei Podeste bieten Platz, um sich in den Mittelpunkt zu stellen, mal werden sie zu Betten, dann Versteck für die Leiche. Fast plakativ wirken bei Hauptmann, Doktor und Nachbarin Margreth (schrill: Agnes Giese) die Kostüme. Natürlicher kommen Woyzeck und Andres in ihrem Soldatenoutfit und Marie im Rock mit kurzem Oberteil daher.

Die Ausstattung (Susanne Ruppert) bietet den passenden Rahmen für das fantastische Spiel der Akteure. Mayer als Woyzeck hat die Kraft, die Spannung fast ins Unerträgliche zu steigern. Er, der mit Andres (Tobias Schaaf, Schauspielschule Kassel) sogleich salutiert, wenn Marschmusik ankündigt, dass der Hauptmann nicht fern ist, ist fast schneller mit seinem „Jawoll“, als sein Gegenüber den Auftrag ausspricht. Immer unbeherrschbarer wird sein Zittern, je mehr er der Eifersucht, dem Wahn verfällt. Die Menschen um ihn haben keine Chance, noch von ihm wahrgenommen zu werden.

Nach dem fast zweistündigen Abend ohne Pause mit langem Applaus und vielen Bravos war der Appell des Intendanten, Nico Dietrich, überzeugend: „Wir müssen raus aus diesem Haus“, sagte er nach drei Jahren Ausnahmezustand. Weil das Junge Theater umgebaut werden soll, ist es 2019 umgezogen in das Provisorium an der Bürgerstraße. Nico Dietrich wünschte in deutlicher Sprache, dass der seit 2016 angedachte Umbau des Otfried-Müller-Hauses endlich umgesetzt werde.

Die nächsten Vorstellungen am 12.10., 29.10., 5.11., 13.12.. Die Theaterkasse ist unter 05 51/49 50 15 sowie per Mail an kasse@junges-theater.de erreichbar. Infos: junges-theater.de

Von Ute Lawrenz

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