Junges Theater: Das spannende Leben des größten Zwergs Lichtenberg

+
Alle an Bord: Auch als die Reise von Georg Christoph Lichtenberg nach London zu König Georg III. mit einfachen Mitteln effektvoll dargestellt wird, sind alle JT-Schauspieler dabei. Von links Peter Christoph Scholz, Agnes Giese, Linda Elsner, Jan Reinartz, Franziska Lather – Karsten Zinser ist nicht zu erkennen.  

Göttingen. Die Besucher im Jungen Theater haben am Freitag den Todestag von Georg Christoph Lichtenberg begeistert gefeiert. Skandal? Nein! Sie umjubelten die Uraufführung des Theaterstücks „Der größte Zwerg“. Zu Recht.

In gut 100 Minuten läuft das ereignisreiche, wenn auch 1799 bereits nach 57 Jahren endende Leben des 140 Zentimeter kleinen und doch großen Mannes am Publikum vorüber: rasant und innehaltend, oberflächlich und tiefgründig – wie ein Leben so ist und wie es vor mehr als 200 Jahren war.

Vier grau lackierte Tische, Stühle, aufgestellt zwischen den Zuschauertribünen. Sechs Menschen – also das gesamte JT-Ensemble – gekleidet in Anzüge. Einer mit weißer Perücke, gekrümmt, mit Buckel: Peter Christoph Scholz nimmt eine Position ein, die Göttinger kennen, von einer Statue neben dem Alten Rathaus. Er verkörpert als erster Akteur Georg Christoph Lichtenberg. „Übel gestaltet“ sei der, „vorn und hinten höckrig“, „mickrig“, „ein sehr unansehnlicher Mann“, wie die anderen fünf ihn aus Büchern über das Genie zitierend beschreiben.

Lichtenberg ist ein umtriebiger Mensch: Frech, dreist, trotzt er den verbalen Verurteilungen, spielt mit dem Chor, dirigiert die Sänger, und zeigt ihnen den nackten (!) Arsch. Lichtenberg ist selbstbewusst. Obwohl: Seinen Studenten dreht der Universalgelehrte bei den Vorlesungen an der Georgia Augusta nie den Rücken zu, verdreht die Arme, um Kreidestriche auf die Tafel zu ziehen. Sein Äußeres, der Buckel lassen ihn leiden.

Die Lebenskapitel des Stückes hat Peter Schanz deshalb „Buckel“ genannt. Schanz hat das Stück in zweijähriger Auftragsarbeit für das JT geschrieben und inszeniert, er war (zum Glück!) „wahnsinnig genug, das zu tun“, wie Dramaturg Tobias Sosinka sagt. Schanz lässt alle Schauspieler Lichtenbergs Buckel und Perücke tragen. Alle spielen den so vielseitigen Gelehrten.

Da gibt es Klamauk wie ein Saufgelage mit Wein von Bremer – den Weinhändler gibt es noch heute. Da sind sinnliche Momente, als Lichtenberg seine große, früh verstorbene Liebe beschreibt. Da wird die Arbeit des besessenen Naturwissenschaftlers in einer wunderbar beleuchteten Szenerie auf den Tischen, der Hauptbühne, den Emporen und der Beleuchtungsbrücke zelebriert. Peter Schanz versucht viel. Und es gelingt fast alles. Denn am Ende entsteht das Bild des großen Zwerges im Kopf, der weit mehr als nur Aphoristiker war. Das Ensemble ist in Top-Form. Und: Franziska Lather singt hervorragend.

Die Lebensszenen passen auf den Punkt zu den wechselnden Darstellern. Komisch ist es auch: als eine (Stoff-)Katze am Ballon durch den Saal schwebt oder Wortwitz mit Verweis auf die Echtzeit im Spiel ist.

Fazit: Ein Stück über den größten kleinen Göttinger, aber nicht nur für Göttinger Zuschauer. Sie müssen nicht zwingend etwas über Lichtenberg wissen, werden aber Freude haben, im Nachgang etwas zu lesen. Ein großer Wurf des kleinen Jungen Theaters.

Nächste Termine: 4., 10., 18. März. 
Weitere Informationen unter www.junges-theater.de, Tel. 0551/495015.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.