Junges Theater startet mit „Gespenster in Göttingen“ in die Saison

Die ehrenwerte Gesellschaft ist ganz schön verlogen: Pastor Manders (von links, Dirk Böther), Osvald (Philip Leenders), Regine (Constanze Passin), Lou (verdeckt, Natascha Manthe), Engstrand (Jan Reinartz) und die Witwe Alving (Agnes Giese). Foto: Eulig

Göttingen. In Göttingen gehen Gespenster um, zumindest im Jungen Theater. Mit einer bejubelten Aufführung von Henrik Ibsens „Gespenster“ ging das Junge Theater in die neue Spielzeit und damit auch in die Nach-Döring-Ära.

Doch handelt es sich hier nicht nur um eine Bearbeitung des 1882 in Chicago uraufgeführten Familiendramas. Die neue JT-Spielleiterin und Regisseurin Eva-Maria Baumeister hat den fünf Personen des Stückes noch eine sechste hinzugefügt: Lou Andreas-Salomé, Autorin, Ibsen-Verehrerin und erste Psychoanalytikerin Göttingens. Daraus wurde „Gespenster in Göttingen“.

Wie ein Kobold am Schlagzeug sitzend beobachtet Lou (Natascha Manthe) das Leben auf dem Hof des verstorbenen Kammerherrn Alving, scheint die wie auf einer Spieluhr um sie herumgehenden Figuren (Kostüme: Felix von Nostitz) auch gleichzeitig zu führen.

Doch so wie eine Spieluhr durch ihre Mechanik am Laufen gehalten wird, geschieht dies auch mit der Dramatik des Stückes. Manche der im Therapeuten-Jargon das Geschehen erklärende Bemerkungen Andreas-Salomés (Autorin Daniela Dröscher) stören da.

Denn das alte Ibsen-Stück spricht für sich selbst, da bedarf es allenfalls des Tricks, die Figuren nicht rund in ihrer Uhr gehen zu lassen, sondern im Viereck, um zu zeigen, dass Sand im Getriebe des Familienlebens ist. Alle Akteure meistern dabei den Spagat mit Bravour, ihren in die Spieluhr gezwungenen Figuren den individuellen Charakter der eigentlich Rollen zu geben. Allen voran sei Agnes Giese erwähnt, die die Witwe Alving ausdrucksstark in ihrer Zerrissenheit zwischen Selbstbewusstsein und Verzweiflung, Mutterliebe und Lebensträumen spielt. Extra Applaus für sie.

Zehn Jahre nach seinem Tod soll dem Kammerherrn Alving durch die Einweihung eines Kinderheims ein Denkmal gesetzt werden. Doch just an diesem Tag bricht aus der Witwe Helene die Wahrheit über ihr verlogenes Leben heraus. Ihr Mann war versoffen und verhurt, sie liebte eigentlich Pastor Manders (Dirk Böther). Das Dienstmädchen Regine (Constanze Passin) ist Alvings Tochter, der Tischler Engstrand (Jan Reinartz) hatte sie als eigenes Kind aufgezogen. Sohn Osvald (Philip Leenders) wurde schon als Kind aus dem Haus geschickt. Zum Ehrentag des Vaters kehrt er heim.

Doch für die Wahrheit ist es für alle zu spät. Längst haben sich die Gespenster der Vergangenheit in den Leben der Protagonisten festgesetzt. In einem riesigen Trommelwirbel bricht schließlich alles zusammen. Denn was sagt Lou Andreas-Salomé zur Wahrheit? „Die Wahrheit ist ebenso Illusion wie alles andere.“

Nächste Vorstellungen: Heute, 10. und 17. September. Karten unter: 0551/495015.

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