Johannes Schütz inszeniert Justine del Cortes „Sex“ mit sieben Frauen am Kasseler Staatstheater

Justine del Cortes „Sex“  am Kasseler Staatstheater: Mit Filzstift Brustwarzen malen

Geschlechtsteile sind hier ein rosa Gummilatschen und eine Krawatte: Anke Stedingk (links) und Agnes Mann in „Sex“. Foto:  Ketz

Kassel. Der schönste Moment ist, wenn Nora Dörries Sex mit dem Schwan hat. Dann steht die junge Schauspielerin im himmelblauen Bikini vorn am Bühnenrand und schaut nach dem Orgasmus so treuherzig ins Publikum wie ein Flötenkind, das sein Liedchen hübsch aufgeführt hat.

Die surreale Szene ist lustig und herzerwärmend zugleich. Schon wird Nora Dörries’ Figur wieder von einem Orgasmus geschüttelt, „Ooh ooh“, macht sie laut und guckt dann wieder ganz unschuldig-verschwörerisch. Irgendeine Art Schwan ist nicht sichtbar an dieser Aktion beteiligt, aber im Bühnenhintergrund klebt sich Schauspielerin Birte Leest Federn auf die Haut.

Justine del Cortes Theaterstück „Sex“ erlebte am Freitag seine kräftig beklatschte deutsche Erstaufführung am Kasseler Schauspielhaus. Warum haben wir keinen Sex? Und warum haben wir welchen? „Sex“ fächert in zehn Szenen dieses existenzielle Bedürfnis auf, zeigt Annäherung, Kopulation und Zurückweisung und lässt die Theaterfiguren manchmal parallel zum Handeln auch noch laut denken.

Der Facettenreichtum wird allerdings durch die recht unterschiedliche Textqualität eingeschränkt, manche Szenen bleiben im betulichen Tagebuch-Stil, etwa jene, wo eine Frau vor dem Koitus mit einer Kneipenbekanntschaft über den Tod nachdenkt („Oh ich lebe so gerne“).

Johannes Schütz hat für seine Inszenierung zwei überzeugende Grundentscheidungen getroffen. Er lässt alle 23 Figuren von sieben Frauen spielen. Und er setzt die Verwandlung - das Entstehen von Theater - virtuos mit in Szene: sich umkleiden, mit Filzstift Brustwarzen auf den BH malen, die Bühne umräumen, in einer Plastikwanne Farbe vom Körper schrubben.

Als Bühnenraum hat Schütz einen fast leeren, blendendweißen Kasten gebaut, in den über ein Rohr Wasser plätschern kann. Nora Dörries, Geno Lechner, Birte Leest, Marie-Claire Ludwig, Agnes Mann, Anke Stedingk und Christina Weiser können sich hier (fast) ausziehen, lüstern stöhnen, angedeutet Geschlechtsteile ineinanderfügen, ohne dass das peinlich oder pornografisch wird.

Mit einem gemischtgeschlechtlichen Ensemble wäre das grenzwertig. Die Frauen spielen Pubertierende, alternde Lady, Kellnerin, Betrogene, Betrunkener oder Ehepaar beim Zeugungsakt.

Als Männer staffieren sie sich witzig-klischeehaft aus und zelebrieren die breitbeinigen Posen. Nora Dörries hängen als Surfertyp die Hosen fast in den Knien, Christina Weiser trägt als hyperkorrekter werdender Vater Bartstoppeln (Kostüme: Lana Schäfer). Wenn eine Szene lang von der Rampe geschrien wird, ist das allerdings nicht sonderlich erhellend. Höhepunkte sind aber die paar komödiantischen Szenen, die ebenso witzig-schnell geschrieben wie zupackend gespielt sind. Etwa, wenn Anke Stedingk mit dem Zeh im Badewannenabfluss festhängt und dem schnauzbärtigen Klempner (Birte Leest) eine umständliche Geschichte vom sexuell aufgeladenen Treffen mit ihrem Chef erzählt. Wie der ständig mit seinem „Riesending“ vor ihr rumgefuchtelt habe. Und sagte, dass er ihr nun eins braten wird. Ein Fischfilet.

Wieder am 22., 23., 26.3., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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