Das Juwel Elbphilharmonie strahlt jetzt

Beeindruckend: Lichtshow auf der Fassade.

Es war ein Festtag nicht nur für Hamburg: Die Elbphilharmonie ist eröffnet - mit guten Reden und einem anspruchsvollen Konzertprogramm. Ein Rückblick auf einen langen Fernsehabend.

Dass die Kanzlerin nicht zum Überschwang neigt, ist bekannt. Mit ihrer Einschätzung, die Elbphilharmonie sei „wirklich ein Kleinod“, lieferte Angela Merkel in der Pause des Eröffnungskonzerts aber so eine Art nüchterne Untertreibung des Tages.

Andere lieferten größere Worte. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz sprach vom „Zukunftsversprechen“, einer „Einladung an die Welt“ und von einer „Sinfonie aus Stein und Glas“, Bundespräsident Joachim Gauck vom „Juwel für die Kulturnation Deutschland“. Intendant Christoph Lieben-Seutter nannte das neue Hamburger Wahrzeichen „das schönste Schiff, das nie in See stechen wird“.

Auch am Bildschirm übertrug sich die Faszination des gläsernen Konzerthauses, das die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron für 789 Mio. Euro Steuergeld auf einen alten Backstein-Speicher gesetzt haben, und das Empfinden, einem historischen Ereignis beizuwohnen. Die halbstündige Verspätung passte immerhin zur Pleiten- und Pannengeschichte des Gebäudes. Der NDR überbrückte sie mit Filmbeiträgen und launigen Interviews.

Es war zweifellos ein, wenngleich stürmisch-regnerischer, Festtag – und das nicht nur für Hamburg. Mit angemessenen, guten Reden, die die Elbphilharmonie als Ausdruck von Bürgersinn, urbanes Sinnbild einer demokratischen, offenen Gesellschaft, als Ort der Begegnung würdigten – die „Süddeutsche“ hatte sie sogar als neue Freiheitsstatue bezeichnet, wo doch die New Yorker Sehenswürdigkeit zumindest in Karikaturen derzeit schmerzerfüllt ihr Haupt verhüllt.

Architekt Jacques Herzog benannte die Funktion von Architektur, die Städte prägt, ihnen ein Gesicht gibt. Hier hätten nicht Fürsten oder Oligarchen gebaut, sondern die Idee des anspruchsvollen Projekts sei aus der Bürgerschaft entstanden, die „physische Hülle“ werde im alltäglichen Leben für alle zugänglich sein: ein Zuwachs für die offene, demokratische Kultur.

Stürmischer Applaus: Das NDR Elbphilharmonie Orchester am Ende des Eröffnungskonzerts. Fotos: dpa

Übereinstimmend beschrieben die Redner das Erlebnis, sich in der beinahe intimen Atmosphäre der Weinberg-Terrassen dieses „Amphitheaters der Tonkunst“ (Gauck) – kein Besucher sitzt mehr als 30 Meter vom Dirigenten entfernt – gleichzeitig geborgen und erhoben zu fühlen: Man rücke zusammen, erfahre Gemeinschaft, ohne sich in der Masse zu verlieren. Sie betonten, wie das Neue – der gleichsam schwebende gläserne Aufbau – auf fest gegründeten Fundamenten des Bestehenden und der Tradition ruht, wie bei diesem großen Wurf an der Nahtstelle von Welterbe Speicherstadt und Welthafen „Kaufmannsgeist und Kreativität“ (Scholz) zusammenkommen.

Aber allzu pathetisch wurde es nicht. „Der Gauck“ – wie die aufgekratzte Moderatorin Barbara Schöneberger sagte – verkniff sich weder einen Seitenhieb auf die bescheidenen Hamburger Fußballkünste, noch verzichtete er auf mahnende Worte. Er erinnerte daran, dass die Elbphilharmonie als „Traum und Alptraum, Weltstar und Witz, Blamage und Wunder“ galt. Manchmal, sagte Gauck, müsse man auch Wagnisse eingehen und Widerstände überwinden, dürfe man Risiken nicht scheuen.

Die verbindende, inspirierende und beglückende Kraft der Musik müsse allen, so Gauck, auch Jüngeren und einem klassikfernen Publikum, vermittelt werden, das sei ein „Gebot der Gerechtigkeit“. Kraftvoll konnte man auch das Programm nennen, das Thomas Hengelbrock als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters zusammengestellt hatte. 223 000 Menschen hatten sich für den Konzertbesuch beworben, 1000 Zufalls-Kartengewinner ergänzten die vielen Prominenten auf den Rängen, von früheren Hamburger Bürgermeistern über Ex-„Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert bis zu Schauspielern wie Hannelore Hoger, Armin Mueller-Stahl oder Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Hengelbrock verlangte allen einiges ab an Konzentration und Bereitschaft, sich auf ungewohnte Klänge einzulassen. Er setzte auf nahtlos ineinander übergehende schroffe Kontraste, als wolle er sämtliche Möglichkeiten des Saals und klassischer Musik überhaupt ausloten. „Erbauung und Schönheit“ hatte Architekt Herzog als Ziele benannt, hier wurde das Publikum vor allem herausgefordert.

Mehr zur Elbphilharmonie in unserem Onlinemagazin Sieben.

Eine einzelne Oboe von Kalev Kuljus bei Benjamin Brittens „Pan“ zu Beginn im Dunkeln, „Furioso“ von Rolf Liebermann, das diesem Titel voll und ganz gerecht wurde, der sagenhafte Countertenor Philippe Jaroussky, auf einer Empore nur von einer Harfe (Margret Köll) begleitet, und Zeitgenössisches von Bernd Alois Zimmermann („Photoptosis“) – eine Laura Wikert twitterte: „Hengelbrock dachte: ,Heute gebe ich es den Kuschelkassik-Hörern! HA!‘ Geiler Typ. Grandioses Programm.“ Mathias Döpfner, Springer-Vorstandsvorsitzender und seines Zeichens promovierter Musikwissenschaftler, fand es „sehr intelligent“. Er sei ja immer darauf aus, ein Haar in der Suppe zu finden, sagte der Manager, der Moderatorin Schöneberger weit überragte – heute finde er keines. Beethovens Ouvertüre „Die Geschöpfe des Prometheus“, der gebürtige Hamburger Mendelssohn Bartholdy, eine Motette von Jacob Praetorius, ebenfalls ein Hamburger, der italienische Renaissance-Musiker Giulio Caccini und die modernen Franzosen Dutilleux und Messiaen – diese musikalische Wundertüte hatte „im weitesten Sinne nichts Konventionelles“ zu bieten, wie Schöneberger anmerkte, und Angela Merkel sagte im Pausengespräch, die großstädtischen und „sehr wuchtigen Stücke“ ließen doch merken, dass man „nicht aufm Dorfe, nicht in der Idylle“ sei.

Merkel, die die harten Holzsessel des Bayreuther Festspielhauses gewohnt ist und sich anfangs durchaus ungläubig im riesigen Saal mit seiner charakteristischen „weißen Haut“ und den elegant geschwungenen Rängen umschaute, dürfte an Wagners Vorspiel zu „Parsifal“ ihre Freude gehabt haben. Und nach einer Wolfgang-Rihm-Uraufführung gipfelte das Programm im viertem Satz von Beethovens neunter Sinfonie, und mit der „Ode an die Freude“, bei der der NDR Chor von den Münchner Kollegen des Bayerischen Rundfunks verstärkt wurde, gab es dann also doch noch die erwartete festlich-erbauliche Musik. Und anschließend viel Jubel.

Der fünfstündige „Elphi“-Fernsehabend brachte neben den tollen Lichteffekten auf der Fassade und eindrucksvollen Zeitrafferbilder auch manches zum Schmunzeln, Promis wie Jorge Gonzalez und Günter Netzer, das Geständnis des Intendanten: „Die Sitzordnung hat uns fast gekillt“, Scholz’ Formulierung von der „Plahtza“ (Plaza), sowie das Porträt eines Stahlbauers, der ausgerechnet, wie der Dirigent, Kurt Masur heißt.

Konzert-Wiederholung: Sonntag, 15.1., 17.40 Uhr, Arte, und Samstag, 21.1., 20.15 Uhr, 3Sat.

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