Der darf wiederkommen: Martin Buchholz gastierte im Theaterstübchen

Ein Kabarettist alten Schlages

Martin Buchholz Archivfoto: nh

KASSEL. Das klassische politische Kabarett, es ist nicht tot, solange seine begabtesten Vertreter wie der Fastsiebziger Martin Buchholz noch auf Tour gehen. Am Donnerstagabend trat der berlinernde Hauptstädter im prall gefüllten Theaterstübchen auf. Keine Requisite, keine Lichteffekte, nicht einmal ein Mikrofon braucht er, um sein Publikum über zwei Stunden köstlich zu unterhalten.

Wenn Buchholz die Bühne betritt, dann darf niemand auf Schonung hoffen. Herrlich inkorrekt tobt er sich aus: Philipp Rösler ist die späte Rache des Vietcong, Bettina Wulff die heulende Schlosshündin im Bellevue, das ganze Kabinett eine „Abschreibungsgesellschaft“ und Peer Steinbrück Träger des Bundesnebenverdienstkreuzes. Sogar der überparteiische Bundespräsident bekommt eins ab: „Großer Gauck, wir loben dich“ … Und das Publikum sowieso: für zu geringen Beifall und Lacher an der falschen Stelle.

„Nebenbei …“: Buchholz kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, springt vor und zurück, holt auch Vergangenes heraus, denn seit 30 Jahren steht er auf den Kleinkunstbühnen. Im Zentrum aber immer die aktuelle Politik. Unsere Bundeskanzlerin befindet sich natürlich an vorderster Stelle des kabarettistischen Kreuzfeuers, mal als Engelsgleiche, mal als „Meck-Pomm-Domina“, die Europas Süden unterwirft und Euro nach Athen trägt. Auch Klaus Wowereit kann ein Berliner Kabarettist nicht auslassen. Immerhin lügt er nicht, hat er doch schon bei der Grundsteinlegung des Berliner Flughafens von einem Jahrhundertprojekt gesprochen …

Buchholz spricht in einem Duktus, als stehe er in der Eckkneipe. Doch seine Sätze sind bis ins Letzte kalkuliert. Wie es sich für einen Künstler alten Schlages gehört, sind Hintersinn, Wortspiel, schrille Ironie und Zynismus probate Mittel, bei denen die Zuhörer manchmal zögerten, die Hände zum Szenenapplaus zu rühren.

Zwischendrin zwei persönliche Bekenntnisse: „Meine Stimme für die FDP … schließlich lebe ich von diesen Leuten.“ Und: „Als es um Wulffs Anruf ging, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben der Bild-Zeitung geglaubt.“ Viel Applaus. Buchholz darf wiederkommen.

Von Johannes Mundry

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