Kabarettist Egersdörfer

"Tatort ist zum Teil fürchterlich"

Er brüllt gern auf der Bühne, kann aber auch ganz leise sein: Matthias Egersdörfer ist einer der interessantesten deutschen Kabarettisten. Nun kommt der "Tatort"-Star nach Vellmar.

Gegen Matthias Egersdörfer ist selbst ein Choleriker wie Gernot Hassknecht aus der „heute-show“ ein Gute-Laune-Männchen. Mit seinen subtilen Schimpftiraden ist der fränkische Kabarettist oft in der „Anstalt“ des ZDF zu Gast. Zudem spielt Egersdörfer im Franken-„Tatort“ den Leiter der Spurensicherung. Wir sprachen mit dem 45-Jährigen vor seinem Auftritt am 18. September im Bürgerhaus Vellmar-West.

Herr Egersdörfer, warum müssen Sie immer so schreien auf der Bühne? 

Matthias Egersdörfer: Weil es einem danach besser geht. Ich finde Leute, die schreien, sehr lustig.

Dann wollen Sie den Menschen auch noch „auf den Sack gehen”, wie Sie gesagt haben. Das versteht nicht jeder.

Egersdörfer: Das ist eine Zielrichtung meines Tuns: Ich will nicht nur Wohlgefallen erzeugen. Wahrscheinlich kommt das daher, dass ich bei einem streitbaren Professor Kunst studiert habe. Der hat viel Wert darauf gelegt, dass er den Leuten mit seiner Kunst auf den Sack geht. Wenn viele Leute das, was man macht, als unschön empfinden, ist die Rechnung aufgegangen.

In Ihrem Programm „Vom Ding her” sitzen Sie aber auch ruhig am Piano. Geht es wieder um Ihre Lieblingsthemen Sex, Ernährung und Verdauung? 

Egersdörfer: Verdauung kommt einmal vor, Sex weiß ich jetzt gar nicht, Ernährung ist immer ein Thema für mich.

Wird Verdauung allgemein unterschätzt? 

Egersdörfer: Glaub ich nicht, da gibt es sogar ein Buch in den Bestsellerlisten.

Sie meinen „Darm mit Charme”. Das hat sich doch nur so gut verkauft, weil es eine gut aussehende Frau geschrieben hat. 

Egersdörfer: Nein, ein Kollege, der sie auf einem Wissenschaftsslam erlebt hat, versicherte mir, dass sie nicht nur sehr hübsch, sondern auch sehr schlau sei. Viele Männer halten so etwas gar nicht für möglich. Mich als alten Feministen freut das.

Mal abgesehen von der Verdauung: Wie politisch sind Sie als Kabarettist? 

Egersdörfer: Wenn die Leute mein Programm unkritisch finden, ist das okay. Es kommen keine Politikernamen vor, und ich zitiere auch nicht, was diese Herren und Damen sagen. Ich kann mir ihre Sätze nicht merken. Insofern ist mein Programm unpolitisch. Klassisches Politikkabarett ist nicht mein Ding.

Ein Leben als glücklicher Kabarettist, haben Sie gesagt, interessiere Sie nicht: „Aus dem Glück heraus kann man nur Kindergartenwitze erzählen.” Wie unglücklich sind Sie gerade? 

Egersdörfer: Momentan hält es sich in Grenzen. Ich habe gerade eine sehr gute Tomatensuppe gegessen.

Essen ist sehr wichtig für Sie. 

Egersdörfer: Gutes Essen ist sehr wichtig für mich. Vor allem vegetarisches Essen.

Ich dachte, Sie seien der Metzgertyp, der Hirnwurst und andere fränkische Spezialitäten liebt. 

Egersdörfer: Das mit der Hirnwurst war so eine Phase. Momentan habe ich ein Faible für vegetarische Suppen.

Sie sind vom Fleischliebhaber zum Vegetarier geworden? 

Egersdörfer: Ja, ich liebäugele mit dem Veganen. Neulich war ich bei einem veganen Picknick und habe nichts vermisst. In der Schweiz habe ich mal einen Tofu gegessen. Von dem kann ich nach eineinhalb Jahren noch schwärmen.

Wie realistisch ist es, dass Sie zum Vegetarier werden? 

Egersdörfer: Ich weiß es nicht. Ich habe immer so Phasen. Neulich hatte ich einen Rückfall und habe vier kalte Wiener Würstchen gegessen.

Nach vier kalten Würstchen muss es einem schlecht gehen. 

Egersdörfer: Ja, man rülpst sehr viel. Der Argwohn der Frau ist einem sicher. Keine Frau der Welt schätzt es, wenn der Mann übel riechende Würstchenrülpser aus seinem Leib exportiert.

Auch Urban Priol, Erwin Pelzig und Mia Pittroff kommen aus Franken. Warum gibt es dort so viele Kabarettisten? 

Egersdörfer: Kunst entsteht dort, wo der Druck hoch ist. Im konservativen Österreich gibt es schon seit Jahren sehr böse Kollegen. Zum einen herrscht in Franken die konservative CSU. Zum anderen hört man schon in der Schule, dass man zur Elite des Landes gehört oder eben nicht, wenn man seine Rechenaufgaben nicht mit der Maximalpunktzahl löst. Das alles führt dazu, dass man rumschreien möchte - auch auf der Bühne.

Ihre Anfänge als Kabarettist waren allerdings schwierig. 

Egersdörfer: Es war nicht leicht, Auftrittsmöglichkeiten zu finden. Ich musste erst den Umweg über Hamburg und Berlin nehmen. Danach ging es auch in Franken leichter. Vielleicht lag das daran, dass der Typ, den ich auf der Bühne spiele, dem unsympathischen Nachbarn sehr ähnlich ist, der über den Zaun blökt.

Im Franken-„Tatort” spielen Sie den Leiter der Spurensicherung, der sich nicht hetzen lässt. Was zeichnet den Franken aus?

Egersdörfer: Wenn man ihn ärgert, kann er innerhalb von Sekunden von null auf hundert mit dem Toben anfangen. Er hat einen ausgeprägten Hang zur Cholerik. Ein Leben außerhalb von Franken kann ich mir nicht vorstellen. In Berlin etwa braucht man viel zu lang, um in der Natur zu sein.

Früher hat Ihnen der „Tatort” den Sonntag vermiest. Schauen Sie ihn nun wieder? 

Egersdörfer: Einmal habe ich mit meiner Frau neun Sonntage hintereinander „Tatort” geschaut. Das hat für Unmut gesorgt und wir haben es gelassen. Nun spiele ich mit und schaue, was die Kollegen machen. Zum Teil ist es immer noch fürchterlich, aber es sind auch schöne Sachen dabei.

Matthias Egersdörfer („Vom Ding her“): 18. September., 20 Uhr, Bürgerhaus Vellmar-West. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Zur Person 

Geboren: am 28. Dezember 1969 in Nürnberg, aufgewachsen in Lauf.

Ausbildung: Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie. Ausbildung zum Medienberater. Studium an der Kunstakademie in Nürnberg.

Karriere: Sein erstes Soloprogramm „Der Alleinunterhalter“ spielte Egersdörfer 2004. Neben seinen TV-Auftritten hat er viele andere Projekte wie die Boygroup Fast zu Fürth und Auftritte mit dem Österreicher Martin Puntigam. Zahlreiche Auszeichnungen wie der Deutsche Kleinkunstpreis (2015).

Privates: Lebt mit seiner Frau in Fürth.

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