Kabarettist Serdar Somuncu hasst besser als die Nazis

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Kabarettist Serdar Somuncu in der Kasseler Stadthalle.

Niemand hasst intelligenter als der Kabarettist Serdar Somuncu. Bei seinem denkwürdigen Auftritt in der Kasseler Stadthalle beleidigt er Nazis, Ökos und Behinderte.

Kassel. Serdar Somuncu ist ein hässlicher, fetter und penisfixierter Nazi. So in etwa könnte diese Kritik beginnen, wenn der Kabarettist sie nach seinem Auftritt am Freitag in der Kasseler Stadthalle selbst geschrieben hätte. Bevor nun jemand aufschreit: Es kommt gleich noch viel schlimmer. Niemand soll sagen, er sei nicht gewarnt worden. 

Somuncus knapp zweistündiges Programm "H2 Universe - Die Machtergreifung" ist wahrscheinlich das schmutzigste und derbste auf deutschen Kabarettbühnen - und trotzdem so viel klüger als das, was die Nuhrs und Barths so veranstalten. 

Das Prinzip ist einfach: Als Hassias versucht der 48-jährige Deutschtürke aus Köln, ein besserer Nazi zu sein als die echten Nazis. Mit "flächendeckenden Beleidigungen" verdirbt er den wahren Hasspredigern den Spaß. In seiner Religion des Hassismus hat jeder ein Recht darauf, dass man Witze über ihn macht. Für Somuncu, der auch als Schauspieler, Musiker und Autor arbeitet, ist das eine Frage des Respekts.

Gleich zu Beginn sagt er seinem Techniker, er solle das Saallicht noch mal anmachen, "damit ich die Arschlöcher sehen kann". Die Vorsitzende der AfD ist für ihn nur "Frauke-ich-würde-sie-nie-Fotze-nennen-Petry". Religion definiert er als "Regelsystem für Asoziale". Er denkt über Kloschüsseln nach und bevorzugt jene, in denen man den Haufen noch betrachten kann, ehe "die Würste verschwinden wie die Flüchtlinge im Mittelmeer". Und er fragt sich, warum Bettler in Fußgängerzonen alle dieselbe Behinderung haben: Gibt es etwa in Rumänien eine Castingshow namens "Bukarest's Next Top-Mongo"? 

Das alles kann man furchtbar geschmacklos finden. Das Problem aber ist, dass die Welt noch viel, viel geschmackloser ist. Somuncu ist im Grunde ein Humanist, der sich nicht damit abfindet, dass Menschen in Asien für Hungerlöhne arbeiten müssen, dass wir Kriege mit unseren Waffen führen lassen und dann eine Obergrenze für Flüchtlinge fordern. 

"Je hässlicher die Stadt ist, desto besser ist das Publikum."
Serdar Somuncu über Kassel

Einen roten Faden braucht der Wüterich nicht. Er geißelt Barack Obama, weil er dieselben Kriege führt wie die anderen US-Präsidenten, von der Öffentlichkeit aber geliebt wird, weil er ein "Bimbo" ist. Er wünscht sich, dass all die Öko-Hipster, die weder Weizen noch Gluten vertragen, irgendwann "in Heerscharen an Dinkelkrebs verrecken". Und das Kasseler Staatstheater, in dem er zuletzt auftrat, nennt er einen "Abo-Puff", weil Intendant Thomas Bockelmann aus Münster nach Nordhessen kam, was für Kassel ein Abstieg gewesen sei. 

Manches ist komplett gaga und pubertärer Fäkal-Blödsinn, aber man muss trotzdem lachen, wenn sich Somuncu vorstellt, die NSU-Terroristin Beate Zschäpe mit seinem Penis zu erschießen. Wenn er in die Publikumsreihen geht, folgt ihm ein Bodyguard. Immer wieder gibt es Morddrohungen gegen Somuncu, der vor Jahren einen seiner ersten Auftritte im leeren Kasseler Schlachthof absolviert hat. Heute ist er einer der gefragtesten Talkshow-Gäste. Er hat sich nach oben gehasst. 

Trotzdem will er als Kabarettist auf der Bühne nun Schluss machen. Die knapp 1500 restlos begeisterten "Arschloch-Fans" werden ihn vermissen. Wie Jesus die Sünden der Menschheit mit ans Kreuz genommen hat, erlöst uns der selbst ernannte Gott Somuncu von unserer Wut. Seine Bühnenfigur sät Hass, um Liebe zu ernten.

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