Kabarettist Vince Ebert: „Darmbakterien sind cool"

Früher war er Unternehmensberater, heute tritt er oft vor Managern auf: Der Frankfurter Kabarettist Vince Ebert. Foto: Promo

Kassel. Früher arbeitete der Physiker Vince Ebert als Unternehmensberater. Heute ist der Frankfurter erfolgreicher Kabarettist, von dem sogar noch Manager etwas lernen können.

Über Vince Ebert kann man nicht nur lachen, mit ihm wird man auch klüger. Der Frankfurter Kabarettist ist eigentlich Physiker und moderiert die tägliche ARD-Sendung „Wissen vor acht“. Gerade ist sein Buch „Unberechenbar. Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen“ (Rowohlt, 256 Seiten, 16,99 Euro) erschienen. Mit seinem Programm „Evolution“ gastiert Ebert am Sonntag im Anthroposophischen Zentrum in Kassel. Wir sprachen mit dem 47-Jährigen.

Ihr neues Buch handelt davon, dass wir zu viel planen. Sollen wir nun alles dem Zufall überlassen? 

Vince Ebert: Nein, es macht Sinn, grundsätzliche Dinge zu planen. Aber wir Deutschen sind Planungsweltmeister. Wir wollen alle Risiken wegoptimieren und verzichten so auch auf viele Chancen. An der Arbeit geben die Controller alles vor und im Privatleben sollen Algorithmen für uns den perfekten Partner finden. Eine Freundin von mir besucht seit Jahren Online-Börsen wie Parship. Alle paar Tage trifft sie sich mit einem Typen, der 99 Prozent der Matching-Kriterien erfüllt. Aber statt sich auf den einzulassen, sagt sie: „Vielleicht treffe ich morgen jemanden, der noch besser passt.“

Wie unromantisch. 

Ebert: Das ist wahnsinnig unsexy. Sie wird wohl auch noch die nächsten Jahre suchen, weil sie gefangen ist in dem Wahn, dass man so etwas Abstraktes wie die Liebe berechnen könnte.

In dem Buch kritisieren Sie auch Big Data. Was haben Sie gegen die Auswertung großer Datenmengen? 

Ebert: Ich bin ein großer Fan von Big Data, gerade in der Medizin. Ein Onkologe, der an einer seltenen Krebsart forscht, kann weltweit so viele Daten sammeln, dass eine bessere Diagnostik entsteht. Aber ich warne vor der Anmaßung, dass Big Data die Zukunft voraussagen könnte. Kein Computer kann kreativ denken und sich Ziele setzen. Die Leute sagen immer, ein Computer sei intelligent, wenn er uns im Schach schlägt. Das ist aber nur eine Rechenleistung. Ein Computer wäre dann intelligent, wenn er sagt: „Ich habe jetzt keine Lust mehr auf Schach und will Backgammon lernen.“ Dann hätte er sich ein Ziel gesetzt.

Sie schreiben, der gefährlichste Mensch in unserem Leben sei nicht der Salafist um die Ecke, sondern der Partner neben uns auf der Couch. Muss ich Angst haben vor meiner Frau? 

Ebert: Nein, aber auch Beziehungen sind ein Stück unberechenbar. Und diese Unberechenbarkeit fürchten wir. Natürlich ist es schlimm, wenn eine Beziehung nach zehn Jahren in die Brüche geht, weil sich der nette Yogalehrer als ein bisschen zu nett für die Frau entpuppt hat. Gleichzeitig eröffnen solche unberechenbaren Momente Chancen. Wenn wir versuchen, alles zu optimieren, nehmen wir uns die Möglichkeit, Neues zu entdecken. In dieser Beziehung sollten wir Deutschen ein bisschen lockerer werden.

In Ihrem Programm „Evolution“ erklären Sie, wieso Darmbakterien cool und Pandabären Idioten sind. Ist es nicht eher umgekehrt? 

Ebert: Darmbakterien sind tatsächlich cool. Wir müssten ihnen dankbarer sein. Wir haben etwa drei Kilogramm Darmbakterien im Bauch, die unsere gesamte Verdauung regeln. Wenn der Pandabär ausstirbt, wäre das schade, weil es keine süßen Youtube-Videos mehr von ihm gibt. Aber für unser Überleben ist so ein kleines Bakterium viel wichtiger.

In der Evolution wird auch nicht groß geplant. 

Ebert: Stimmt, die Evolution funktioniert nach dem Prinzip Trial and Error. Wenn ein Lebewesen durch Zufälle gut an die Umwelt angepasst ist, setzt es sich durch. Wenn etwas nicht funktioniert, stirbt es aus. Deswegen ist die Evolution so erfolgreich. Der Kommunismus dagegen ist gescheitert, weil man einen festen Plan hatte.

Sie treten auch vor Managern auf. Wie schwer ist es, die zum Lachen zu bringen? 

Ebert: Wenn sie verstanden haben, dass man den Kapitalismus nicht doof findet, dann finden die es auch toll. Das Lustige ist: Ich erzähle den Managern eigentlich Unverschämtheiten, wenn ich sage: „Ihr könnt nicht planen. Vieles kommt ohnehin anders.“

Stimmt es, dass Sie Ihr Talent als Komiker während einer Power-Point-Präsentation entdeckt haben?

Ebert: Das war zwangsläufig während meiner Zeit als Unternehmensberater. Ich fand es immer bizarr, Leuten, die seit 20 Jahren im Job sind, zu sagen, was sie machen sollen. Ich war Physiker und hatte keine Ahnung, wie man ein Unternehmen führt. Darum habe ich versucht, mich ironisch zu distanzieren, und kleine Scherze in meine Vorträge eingebaut. Damals fand das keiner lustig, auch mein Chef nicht. Dass ich nun vor Managern rede, ist meine späte Rache.

Ihre Kollegen wie Max Uthoff wollen das Wirtschaftssystem aus den Angeln heben. Was stört Sie an der Kapitalismuskritik der meisten Kabarettisten? 

Ebert: Der Kapitalismus ist die größte Armutsvernichtungsmaschine der Welt. Den Menschen in Ländern mit freier Marktwirtschaft geht es brutal besser als denen in anderen Ländern. Ich prangere auch bestimmte Auswüchse an, aber den Kapitalismus als Ganzes zu verteufeln, ist unmenschlich.

Warum machen genau das aber so viele Ihrer Kollegen? 

Ebert: Vielleicht liegt es daran, dass man mit Kapitalismuskritik sehr viel Geld verdienen kann.

Zur Person

Geboren: am 23. Mai 1968 im fränkischen Miltenberg als Holger Ebert

Ausbildung: Physikstudium in Würzburg

Karriere: Arbeitete erst als Unternehmensberater und in einer Werbeagentur. 1998 stand er erstmals als Kabarettist auf der Bühne.

Privates: Lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Valerie Bolzano, und zwei Katzen in Frankfurt.

Vince Ebert: Sonntag, 18 Uhr, Anthroposophisches Zentrum Kassel, Wilhelmshöher Allee 261. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204. 

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