Kader Attia in Berlin: Das Pflaster auf unseren Wunden

Narben und Nähte: Bei Kader Attia sieht sich auch der Betrachter als repariertes Wesen. Foto: Walter/nh

Berlin. Reparatur ist oft ein Phänomen im Verborgenen - am besten gelungen, wenn man sie nicht sieht. In der Kunst von Kader Attia (43) ist das anders. Seine Werke leben von Schuld und Wiedergutmachung, von Rissen und Wunden und von den Pflastern, die wir darüber kleben.

Der Künstler, der während der documenta 13 im Fridericianum anzutreffen war, zeigt seine Arbeiten nun in den Berliner Kunstwerken. „Repair. 5 Acts“ (Reparatur. 5 Akte) heißt seine erste Einzelausstellung in Deutschland, in der er Verwüstung und Heilung in verschiedenen Kategorien inszeniert. documenta-Besucher werden die entstellten Holzköpfe wiedererkennen, die auf Metallregalen den Raum „Politik“ bevölkern. Wie in Kassel kombiniert Attia Modelle von versehrten Soldatengesichtern mit afrikanischen Bildern und Skulpturen. Kriegsschäden existieren neben Schönheitsidealen, die uns fremd erscheinen. Nicht immer ist beides leicht zu unterscheiden.

Auch auf anderen Gebieten entdeckt der französisch-algerische Künstler Gesten der Reparatur. In der Halle, dem düsteren Herzstück der Kunstwerke, steht ein Fernseher, auf dem eine Naturdoku läuft. Zu sehen ist ein australischer Prachtleierschwanz, eine aufgeweckte Fasanenart, die bis zu 20 Vogelstimmen imitiert.

In den vergangenen Jahren haben die Tiere auch Menschengeräusche zu ihrer Ausdrucksform gemacht. Ein Vogel klickt wie ein Kamera-Auslöser, ein anderer ahmt perfekt eine Motorsäge nach. Es sind skurrile Aufnahmen, zugleich vergnüglich und herzzerreißend. Die Laute, die für die Zerstörung ihres Lebensraumes stehen, haben die Vögel in ihr Repertoire aufgenommen.

Attias Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie sich verschiedene Kulturen und Systeme gleichzeitig bekämpfen und beeinflussen. Der Künstler ist selbst zwischen Europa und Afrika aufgewachsen und scheint noch auf der Suche zu sein: nach dem, was uns unweigerlich verbindet und nach kulturellen Barrieren.

In einem der Räume hängen westliche medizinische Anleitungen zum Zusammenflicken zerfetzter Gesichter. Die filigranen Nähte sollen so unsichtbar wie möglich sein, der Makel der Reparatur dezent. An der gleichen Wand finden sich geflickte afrikanische Holzmasken, die ihre Narben aus Lederbändern und Draht fast stolz zu tragen scheinen. Der Katalog erzählt, dass ihr Wert mit der Reparatur steigt.

Dass Attias Ausstellung nicht von ihrer Ernsthaftigkeit erdrückt wird, liegt an den Ausflügen ins Leichte, die er sich immer wieder erlaubt. In einem Kellerraum werden Bilder von einem Knochen und einer Raumsonde gezeigt. Die Form der Objekte ist auffällig ähnlich. „Nothing’s changed“ steht auf dem Schild daneben. Nichts hat sich verändert.

Bis 25. August, Auguststraße 69, www.kw-berlin.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.