Theater zwischen den Künsten: „Unfun“ nach Matias Faldbakken im Fridericianum

Die Kälte in der Todeszone

Bis zum bitteren Ende: Julia Hansen als Lucy und Peter Grünenfelder als ihr Ex-Mann Slaktus überzeugten in der Matias-Faldbakken-Adaption „Unfun“. Foto: Fischer

Kassel. „Ich bin schwarz. Ich bin Anarchistin.“ Lucy, die Hauptfigur in Nils-Arne Kässens’ Bühnenadaption von Matias Faldbakkens Roman „Unfun“, hat das Publikum fest im Blick, wenn sie die ersten Sätze spricht, und sie wird es während der nächsten Stunde kaum je aus diesem Blick entlassen. Man ist sich nah in der Rotunde des Fridericianums, ob man das will oder nicht. Bis zum bitteren Ende.

Der halbrunde Raum ist für die Koproduktion von Fridericianum, Kunsthochschule und Staatstheater zur „Deathbox“ geworden: Auf ebenerdiger Bühne stehen vier skelettierte Bauwerke, stählerne Käfige, zwischen denen die drei Schauspieler agieren, in deren Gestänge sie immer wieder treten, um in Spielszenen und theoretisierenden Monologen die großen Themen zu verhandeln, die Faldbakkens Text umkreist: Rassismus, Konsum, Moral, Gewalt, die traurigen Überreste dessen, was man einmal als Familie bezeichnet hat. Joel Baumann hat mit seiner raumfüllenden Installation, erweitert durch Videoprojektionen, ein beeindruckendes Bild gefunden für diese Todeszone.

„Deathbox“: so lautet der Name des Computerspiels, das Lucys Ex-Mann Slaktus entworfen hat und das im Zentrum der Handlung steht. Slaktus, der „Schlächter“, der „Gewaltintellektuelle“, wie er sich selbst charakterisiert, kontrolliert seine Aggression nur mühsam, bevor sie sich schließlich in einer Vergewaltigungsszene entlädt, eine auf stilisierte Gesten verknappte Choreografie, im Stroboskoplicht eingefrorene Posen.

Nicht nur die von Faltbakken detailliert ausgemalte Gewalt, auch die den Roman prägende groteske Komik ist in Kässens’ Adaption stark reduziert. Gelacht wird wenig. Julia Hansen spielt Lucy furios und funkelnd kalt, kontrolliert und analytisch noch im finalen Amoklauf. Peter Grünenfelder verleiht Slaktus eine gefährliche Körperlichkeit, immer kurz vor dem Ausbruch. Daniel Schröder als Psychiater und als der von Slaktus engagierte Schauspieler Taiwo ist dem Zuschauer noch am nächsten; staunend, fragend betrachtet er seine Mitakteure. Am Ende, nach dem letzten Messerstich: Stille, Dunkelheit, erst zögernder, dann begeisterter Applaus.

Kunsthalle Fridericianum, erneut heute und morgen, 20 Uhr, Karten unter 0561/7072729 oder 0561/1094222

Von Fabian Fröhlich

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