Bad Hersfelder Festspiele: Kafkas "Der Prozess" eindrucksvoll ins Heute geholt

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Kulisse aus überdimensionalen Aktenschränken: Josef K. (Ronny Miersch, Mitte) weiß nicht, für was er sich vor Gericht zu verantworten hat.

Ein bewegender Theaterabend, gleichermaßen präzise und mit Bildern voll universeller Kraft: Mit Kafkas "Der Prozess" haben die Bad Hersfelder Festspiele begonnen.  

Bad Hersfeld – „Langsam bin ich mir nicht mehr so sicher“, sagt Josef K. einmal, als die Zermürbung schon weit fortgeschritten ist. Ist er wirklich unschuldig, wie er es beteuert, nachdem er ohne Angabe von Gründen in die Mühlen der Ermittler geraten war? Der Zweifel nagt, frisst sich ein in das bisher unbeschwert-selbstgewisse Leben. Im Privaten, in der Berufswelt, in der Liebesbeziehung. Was ist mit dem Mann? Irgendwas muss da doch sein. Josef K. fängt bald an, das selbst zu glauben.

Im Glaskasten: Fräulein Montag (Ingrid Steeger) und Titorelli (Thorsten Nindel). 

Franz Kafkas Roman „Der Prozess“, ergänzt mit weiteren Textbausteinen bis zum aktuellen Fall Claas Relotius, ist Grundlage für ein Theaterstück, das Joern Hinkel schrieb und zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele inszenierte. Die Premiere am Freitag in der ausverkauften Stiftsruine wurde lang beklatscht. Es ist ein bewegender Theaterabend in großen, beeindruckenden Bildern, der mit einem Lachen endet. Josef K., ganz allein in einem Dom, bekommt endlich ein Stück Papier zu fassen, in dem offenbar Details zu seinem ominösen Fall stehen.

War alles nur eine Versuchsanordnung? Ein Spiel, ähnlich wie im Film „Die Truman Show“? Die weiß gekleidete Autoritätsperson, die ihm weit hinten in der bedrohlich beleuchteten Apsis der Stiftsruine den Schrieb aushändigt, als K. blutend, fertig mit der Welt und völlig auf sich zurückgeworfen ist, könnte eine Art göttliche Instanz, aber auch der Leiter eines perfiden Spiels sein. Ein spannender Schluss, so wie überhaupt die Präzision und Analysekraft der gesamten Inszenierung beeindrucken.

Josef K.s Bett steht in einem Glaskasten, sein Schreibtisch in der Bank auch. Freunde wie Fremde lassen wir heute noch in unsere intimsten Lebenswinkel blicken – und wundern uns dann, wenn plötzlich zwei Finsterlinge neben dem Plumeau stehen und anfangen, das Private durchzuwühlen. Solche Bilder sind bezeichnend für die geniale Verbindung, die Hinkel ins Heute hinein knüpft, ohne platt mit Social-Media-Accessoires zu hantieren.

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Später klettert Josef K. auf einen Stuhl, um vor Gericht an das Richterpult zu gelangen. Er krallt sich dessen Hammer, klopft, erheischt aber keine Aufmerksamkeit. Jens Kilians Bühne ist gegliedert mit einer beweglichen Wand aus überdimensionierten Aktenschränken. In die detailreich ausgearbeitete grafische Optik reihen sich auch die Statisten ein, die sich vor dem Richter, in einem Wartesaal oder in der Bank stromlinienförmig bewegen – wie in dem dystopischen Filmklassiker „Brazil“. Für individuelle Mätzchen ist gegenüber der anonymen Autorität kein Platz. Etwas überdeutlich untermalt die Soundkulisse von Jörg Gollasch das Geschehen.

Und wer Josef K. vermeintlich helfen will, beutet ihn halt auf seine Weise aus. Zu den schauspielerischen Glanzlichtern gehören die Begegnungen mit Advokat Huld (Dieter Laser), der im roten Pyjama in einem Bett residiert, K. in Wortduellen vereinnahmt und auch körperlich übergriffig wird. Laser macht das sehr physisch, dieser Advokat Huld weiß seine verschlingende Anziehungskraft fein zu modulieren.

Ronny Miersch ist als K. eine Entdeckung. Es ist anspruchsvoll, diese Jedermann-Figur zu verkörpern, die ja gerade nicht zu viel Individualität haben soll, die eigentlich nur in ihrem Kampf um die eigene, (vermeintlich) autonome Persönlichkeit sichtbar wird. Er schlingert durch seine Odyssee aus ungläubigem Amüsement, Auflehnung und Eindringenwollen in die Geheimnisse des Unrechtsregimes.

Bad Hersfelder Festspiele: Bilder von Kafkas "Der Prozess"

 © Thomas Landsiedel
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In überzeugenden Miniaturen sind Corinna Pohlmann als Verlobte Felice, Marianne Sägebrecht als fürsorgliche Haushälterin, Ingrid Steeger als einstige Nachtclub-Legende und Thorsten Nindel als zynischer Pressefotograf Titorelli mit Glitzerblouson zu erleben (Kostüme: Kerstin Micheel). Mit der Kamera kann auch er Menschen ins Licht heben oder im Dunkeln verschwinden lassen.

Festspiele bis 1.9., Kartentelefon: 06621 / 640200

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