José Saramagos neuer Roman erregt Protest

Kain gegen Gott

José Saramago will es wissen. Nach dem großen Krach, den sein Roman  „Das Evangelium nach Jesus Christus“ 1991 vor allem in Portugal hervorrief, fordert er erneut die Toleranz heraus. Mit „Cain“ erzählt er seine Version des Alten Testaments. Sein Held ist der ungeliebte Kain, und sein Gott ist ein stolzer, selbstgefälliger Mann.

Nach seiner eigenwilligen Interpretation des Neuen Testaments war der Unmut von Volk, Politik und Kirche über ihn geschwappt. Er verließ seine Heimat und lebt seither auf Lanzarote. Als er 1998 den Literatur-Nobelpreis erhielt, buhlte Portugal wieder um den verlorenen Sohn.

Nun also Saramago gegen Portugal, die Zweite. Während sich schon nach der Ankündigung des Titels der Protest erhob, betrat Saramago ganz gelassen den Ring. Bei der Buchvorstellung - wohlgemerkt in Madrid - beschrieb er schmunzelnd seine Rolle so: „Ich schreibe nicht, um zu gefallen oder nicht zu gefallen. Ich schreibe, um Unruhe zu stiften.“ Und bekennt sich damit zu Portugals literarischer Tradition: Das berühmteste Buch des großen Nationaldichters Fernando Pessoa trägt den Titel „Buch der Unruhe“.

Tatsächlich ist die Aufregung überflüssig. Denn anders als in seinem „Evangelium“, erregt sich Saramagos omnipräsenter Erzähler nicht mehr zornig über den Schöpfer, sondern kommentiert belustigt dessen teils hilflose, teils eitle Bestrebungen, seinen göttlichen Plan umzusetzen. Nur Kain fügt sich nicht. Nach dem Brudermord stellt er Gott zur Rede. Er sei mitschuldig. Abel habe er nur getötet, weil er ihn, Gott, nicht töten konnte, erklärt Kain, bevor er aufbricht zu einer Reise durch die biblische Geschichte.

Portugal hingegen scheint nicht mit sich reden zu lassen. Der sozialdemokratische, aber konservative Politiker Mario David forderte, Saramago die Staatsangehörigkeit abzuerkennen. Dabei bleibt Saramago nur seinem schriftstellerischen Prinzip treu: Geschichte, ob sakral oder ganz säkular, nicht als gottgegeben zu akzeptieren. Eben 87 geworden, engagiert er sich in der Attac-Bewegung, mischt sich in Konflikte der Welt ein.

Das neue Buch, bisher nur ins Spanische übersetzt, entpuppt sich als Verkaufsschlager. In Portugal wird es übrigens gern im Doppelpack mit der Bibel gekauft.

José Saramago, Caín, Madrid 2009, Caim Lissabon 2009, 189 S. , Wertung: !!!!:

Von Chrstine Lang-Blieffert

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