Vea Kaisers furioser Auftritt

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Ein fulminanter Auftritt: Autorin Vea Kaiser war zu Gast im Ev. Kirchenzentrum in Vellmar.

Vellmar. Die Österreicherin Vea Kaiser stellte in Vellmar nicht nur ihren neuen Roman vor - die 26-Jährige erzählte auch ungewöhnlich offenherzig von sich selbst und ihrem Werdegang zur Autorin.

„Wie schön, Sie sind noch hier“, begann Vea Kaiser: eine halbe Stunde verspätet. Buchhändlerin Katharina Engelhardt hatte Montagabend die Wartezeit im vollen Ev. Kirchenzentrum in einen Werbeblock fürs Programm des Literaturvereins Ecke & Kreis und den Vellmarer Literaturgesprächskreis verwandelt und plaudernd Einblicke in die Lesungs-Organisation gegeben, ehe die 26-jährige Schriftstellerin loslegte: auf dem Tisch sitzend, vor Erzählfreude sprühend, wild gestikulierend, immer in Bewegung - und außergewöhnlich offenherzig.

Zweieinhalb Stunden Verspätung ihres Zugs hatten Kaiser so fuchtig gemacht, dass sie mit einer vom Handy gelesenen bösen Kolumne über die Bahn anfing („Ich teil’ den Frust mit Ihnen“), ehe sie zu ihrem zweiten Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ kam.

Es muss an dieser Stelle genügen, den Inhalt so wiederzugeben, wie die Autorin die übersprungenen Passagen zusammenfasste: „Es passieren urviele Dinge, es geht halt immer bergauf und bergab.“ Denn so unterhaltsam sie den Lebensweg eines jungen Paars, Cousin und Cousine, schilderte, das nach dem Obristenputsch von 1967 sein heimisches griechisches Bergdorf verlässt, so lebendig und lustig erzählte sie von ihrer eigenen Entwicklung vom naiven, unbekannten „Studentenhaserl“ aus einem niederösterreichischen Dorf „mit 1000 Einwohnern auf 17 Hügeln“ zur Bestsellerautorin, und das gleich mit ihrem Erstling „Blasmusikpop“.

Kaiser stellte also nicht nur ihre Protagonisten Lefti und Eleni vor, die gemeinsam nach Deutschland und dann irgendwann eigene Wege gehen, und schilderte ihre bedrohliche Lage so plastisch, als sei sie 1967 in Griechenland selbst dabei gewesen. Die 26-Jährige berichtete auch von ihrer ersten Wohnung im Wiener Rotlichtmilieu, als sie regelmäßig mit dem Hund einer Prostituierten Gassi ging („ich weiß jetzt, was die Politiker abends machen“) und von dem traumatisierenden Beginn ihres Studienjahrs Kreatives Schreiben: „Hildesheim und ich, wir hatten einen urschlechten Start. Wir wurden nicht warm miteinander.“ Der Versuch, eine Melange zu bestellen, endete im Fiasko.

Nach Niedersachsen, dieses flache Land, wo eisige Winde peitschen und nur Pferde rumstehen, wie Kaiser findet, schickt sie auch ihre Protagonisten, wie alle Romanschauplätze mit Stationen ihres Lebens zu tun haben. Ausgerechnet das Pferd hat dieses Bundesland auch noch im Wappen. Vea Kaiser gestand nämlich eine panische Angst vor Pferden: „Ihr einzig akzeptabler Aggregatzustand ist der Leberkäse.“ Und in diesem Land wird die Griechin Eleni mit dem deutschen Nein konfrontiert, einem absoluten, nicht begründeten Nein, das sich jeder Diskussion entzieht. Dieses Nein hasst sie am meisten.

„Jede Stadt, die etwas auf sich hält, braucht einen Griechen in der Fußgängerzone“, meinte Kaiser, weil auch Lefti ein solches Restaurant eröffnet. „Habt’s ihr einen?“, fragte sie ins Vellmarer Publikum. „In Kassel“, lautete die Antwort.

Die 26-Jährige warb fürs Altgriechische (obwohl: „meine Eltern dachten: Wo ist die denn runtergefallen?“), weil sie den kreativen Banausen, all den Waldorfschülern, mit ihren fundierten philologischen Kenntnissen so gut helfen könne - zum Beispiel, wie man Euripides ausspricht. Und sie attackierte Amazon: „Da ist kein Hirn dahinter, nur ein Computer.“

Die Österreicher, sagte Kaiser, seien Meister darin, „Hoffnungen und Ambitionen zu zerstören“ - es sei denn, man verwandele sich in einen menschlichen Torpedo und stürze sich auf Skiern Hänge hinab. Sonst bekomme jeder Erfolgreiche auf den Deckel. Und weil ihr alle, aber auch wirklich jeder, prophezeiten, der zweite Roman sei nicht nur der schwerste, sondern er werde sowieso zerrissen, stellte sie ihr Herzensprojekt erst einmal zurück, um es nicht zu gefährden. „Makarionissi“ sei also ungefähr so, „wie wenn man einen Buben möchte und es wird ein Mädchen.“

Vom Schreiben lasse sie sich nur durch eine Sehnenscheidentzündung stoppen. Zurzeit ist Zwangspause. Zwei Drittel schmeißt sie sowieso wieder weg. Denn vieles entwickelt sich erst beim Schreiben - so wie ihr jüngstes Buch eigentlich von der griechischen Finanzkrise handeln sollte. Gelächter bei den 80 Besuchern, denn los ging es ja mit dem Bürgerkrieg in Griechenland: „Ich brauch die Freiheit der Assoziation, bei den Figuren und Details“, erklärt Kaiser. Die Protagonisten müsse man beim Schreiben erst selbst kennenlernen, „die Figuren sollen liebhabbar sein“.

Kaiser erläuterte ihren Vornamen, der eigentlich Verena lautet, erzählte von ihrem Bruder, der im Gegensatz zu ihr als Wirtschaftswissenschaftler mit Zahlen umgehen könne, und von ihrem Freund, der das Pech magisch anziehe. Sie nutzte so schöne Begriffe wie „Schweinszecken" und „Duttlsheriffs“ (für Politessen, die Duttln sind auf Wienerisch die Brüste), gab freimütig ihre nächste Romanidee preis und wunderte sich am Ende selbst: „Ich wüsste manchmal wirklich gern, wie mein Gehirn funktioniert und wo der ganze Blödsinn herkommt.“ Was für ein furioser Auftritt.

Vea Kaiser: Makarionissi oder Die Insel der Seligen. Kiepenheuer & Witsch, 464 Seiten, 19,99 Euro

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