Kalt erwischt: Das Lesespektakel „Cold Reading“ im Schlachthof enttäuschte

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Cold Reading: Axel Garbelmann (links) und Gunnar Seidel lasen „mitgebrachte Literatur“, zum Beispiel Kassenzettel vom letzten Einkauf.

Kassel. Zum Cold Reading hatten Gunnar Seidel und Axel Garbelmann am Dienstag in den Schlachthof eingeladen. Das Publikum bringt Texte mit, die beiden Kasseler Schauspieler tragen sie vor, jedoch nie länger als zehn Minuten. 

Das vielversprechende Konzept - wobei sich zehn Minuten meist als viel zu lang erweisen - sorgt für nur wenige interessante Momente. Von den meisten Texten werden die beiden kalt erwischt.

Als Erstes zieht Seidel einen bandwurmartigen Kassenzettel aus dem prall gefüllten Bücherkorb und schon nach zwei Minuten Waren- und Preisliste fragt man sich: Was soll das? Kein Witz, null Pointe, gähn! Eine Anleitung für das hochkomplexe Brettspiel „Go“ ist da schon skurriler, zumal Garbelmann sehr hübsch das Fachjapanisch zwischen den Zähnen hervorstößt.

Es folgt ein erbarmungswürdiges, anonym eingereichtes Splatter-Porno-Traktätlein, das sämtliche Abartigkeiten wortreich feiert, inklusive nekrophiler Sodomie, nämlich Sex mit einem toten Pferd. Eine Zuhörerin hält sich die Ohren zu und fragt, ob das denn sein müsse. Eine andere antwortet, das wäre doch fast so gut wie die Bibel. Wie keck! Und Seidel liest den Schweinkram weiter vor, als handele es sich um ein Kochrezept.

Das immerhin ist ein „Vorteil“ des Cold Reading: Untalentierte Autoren können ihren Quark ohne Gesichtsverlust zu Gehör bringen, da sie ja nicht in Erscheinung treten. Irgendwie feige! Überhaupt fragt man sich, ob das Publikum zur Selbstkasteiung neigt, sind doch die meisten Einreichungen langweilige Gebrauchstexte. Ausnahmen sind Kurt Tucholsky, Funny van Dannen und Heinz Strunk. Aber auch bei diesen gilt: Seidel und Garbelmann machen fast nichts daraus.

Zu einer guten Lesung braucht es mehr als ein wenig Betonung, laut und leise oder mal einen beherzten Schlag auf den Tisch. Nach einer weiteren enervierenden und haspelnd vorgetragenen Erzählung mit dem Titel „Wer will, der kann“ ist Schluss. Eigentlich sollte der Korb leergelesen werden. Aber ach, die beiden wollen und können nicht mehr. Die anfangs vollen Stuhlreihen sind ohnehin merklich gelichtet.

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