Kammerspiel im Abseits: „Die Schutzbefohlenen“ im tif

Ein Chor der Flüchtlinge, keine Individuen: Darsteller in „Die Schutzbefohlenen“ im Theater im Fridericianum. Foto: Klinger

Kassel. Beginnen wir mit der Bühne: ein sehr heller flacher Raum im Raum, nach hinten immer flacher und enger werdend. Weißer Fußboden, weiße Lamellenvorhänge, weiße Kirchenbänke. Eine Kapelle also, aber Assoziationen an einen Kühlschrank, einen Container, Käfig, ein Gefängnis oder einfach alles zusammen, liegen nahe. Aber auch: ein Guckkasten, eine hermetische, abgeschlossene Situation (Bühne und Kostüme: Brigitte Schima).

Die fünf Akteure schauen da heraus, das Publikum hinein. Immerhin sprechen die da drinnen zu uns, deklamieren, monologisieren zwei Stunden lang. Pausenlos, atemlos, stakkatohaft. Das sind „Die Schutzbefohlenen“: Sabrina Ceesay, Christoph Förster, Bernd Hölscher, Thomas Sprekelsen und Uwe Steinbruch. Sie tragen zu Anfang und mittendrin griechische Masken, sie verkörpern keine Individuen. Sie spielen den Chor der Flüchtlinge, der Hilfesuchenden, der nicht Ertrunkenen, nicht Geköpften, also der Untoten und untot Gestrandeten, denen man, weil sie ja nicht ertrunken sind oder nicht geköpft wurden, hier helfen muss, wenn auch ungern, denn Europa schottet sich ab. Immer mehr.

„Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek ist das Stück zur Zeit. Freitag hatte es im tif in der Inszenierung von Philipp Rosendahl Premiere. 2014 am Hamburger Thalia-Theater als Lesung und wenig später in Mannheim als Theaterinszenierung uraufgeführt, ist es eine wütende Anklage gegen Rechtlosigkeit, Gleichgültigkeit und gegen die Ausgrenzung von Flüchtlingen und ein flammendes Plädoyer für die angeblich unantastbare Würde des Einzelnen.

Es geht hier weniger um Moral als um die unveräußerlichen Menschenrechte. Jelinek bezieht sich auf Aischylos’ „Die Schutzflehenden“, dem ältesten Flüchtlingsdrama der Weltliteratur. Indem Rosendahl den Klagechor der Flüchtlinge Masken tragen lässt, schlägt er den Bogen zur Antike und die jahrtausendealte Unantastbarkeit des Lebens.

Aber die Menschenrechte sind heute nicht für alle da. Wer Geld hat, kann sie sich kaufen, wer keins hat, muss ertrinken – so wird es gesagt und es ist ja wahr. Die seltsam gemusterten Hosen und Sakkos wollen übrigens nicht so recht dazu passen - weder zur Antike noch zu den heutigen Flüchtlingen.

Der größte Einwand gegen den Text oder gegen diese Inszenierung ist, dass keine Empathie geweckt wird. Man schaut in den Kasten, hört sich das an, hat immer mal wieder lichte Momente der Erkenntnis durch Jelineks bitterböse Sprachsezierung, ihre Ironie und ihren wütenden Zynismus, aber letztlich lässt einen das Geschehen auf der Bühne kalt.

Es ist schwer, dem pausenlosen Redeschwall zu folgen, geschweige denn, ihn sofort zu verarbeiten. Nach einer Stunde ist man erschöpft, nach zwei Stunden fertig. Das Stück schlägt keinen wirklichen Bogen zur Wirklichkeit, zur aktuellen Situation, zu dem, was um uns herum greifbar passiert. Es bleibt abstrakt und so verpufft die gute Intention. „Die Schutzbefohlenen“ im tif ist ein Kammerspiel im wahrsten Sinne des Wortes, und diese Kammer steht ziemlich weit abseits.

Nächste Termine: 25.10., 15.11., 27.11., 5.12., 25.12., Karten: Tel. 0561/1094-222, www.staatstheater-kassel.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.