Das JT in Göttingen zeigt „Das Interview“ nach einem Film des Niederländers Theo van Gogh

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Duell mit Worten: Dirk Böther als Pierre und Constanze Passin als Katja. Foto: Eulig

Göttingen. Ein Mann und eine Frau sitzen sich in ihrem Wohnzimmer gegenüber. Er ist Journalist, sie Schauspielerin. Eine alltägliche Interview-Situation. Könnte man meinen. Doch die beiden liefern sich ein wortgewaltiges Gefecht, bei dem es am Ende keinen Sieger gibt. Am Samstag feierte „Das Interview“ nach dem gleichnamigen Film von Theo van Gogh eine bemerkenswerte Premiere im Jungen Theater in Göttingen.

Zugegeben, die Ausgangssituation für ein gutes Interview ist denkbar schlecht. Denn Pierre, eigentlich Polit-Redakteur und ehemaliger Kriegsberichterstatter, musste diesen Termin eher unfreiwillig übernehmen. Brennend gern hätte er zur selben Zeit den Ministerpräsidenten interviewen wollen, denn gerade hat die niederländische Regierung ihren Rücktritt angekündigt.

Katja, Quotenstar mit äußeren Reizen, hat wie üblich einen Kulturredakteur erwartet, der ihr vorhersehbare Fragen nach ihrem Liebesleben und ihren vielfach bewunderten Brüsten stellt.

Der 2004 von einem religiösen Fanatiker ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh hat diesem Kräftemessen um öffentliche Aufmerksamkeit die Geschehnisse um die Verwicklung der Niederlande in die Massaker von Srebenica und die gleichzeitig stark aufstrebende Unterhaltungsbranche zugrunde gelegt.

Statt das Interview gleich abzubrechen, begeben sich Katja und Pierre in einen Kampf um Anerkennung und Informationen. Wie in einer richtigen Kampfhandlung werden die eigenen und die zu erwartenden Angriffe des anderen strategisch berechnet, werden echte und falsche Gefühle eingesetzt und wechseln sich mit gegenseitigem Begehren und Verachten so rasant ab, dass Wahrheit und Lüge nicht mehr voneinander unterscheidbar sind. Die Wahl der Mittel reicht dabei bis zu erpressten vermeintlichen Geständnissen der dunkelsten Geheimnisse.

Mit Constanze Passin und Dirk Böther hat Intendant und Dramaturg Andreas Döring eine passende Besetzung für die Rollen von Katja und Pierre vorgenommen, sind sich doch beide in ihrer Sprachgewalt und Präsenz auf der Bühne ebenbürtig. Unter der Regie von Julia Wissert zeigen sie eine große Bandbreite schauspielerischen Könnens von tiefster Verletzung, arroganter Verachtung und prickelnder Erotik bis hin zu explodierendem Hass.

Die zurückhaltende Bühnenausstattung – lediglich ein lang gestrecktes Sitzmöbel (Axel Theune) – fokussiert die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz und gar auf das dargebotene Wortgefecht und taucht auch sie in ein Wechselbad von Spannung und Ergriffenheit. Wem der beiden Protagonisten die Sympathien oder Antipathien mehr gelten, ist nicht auszumachen. Ein Gleichgewicht der Kräfte auch hier.

Wieder am 22., 24., 26.1., Kartentelefon: 0551 495015

Von Carmen Barann

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