Lance Ryan als Siegfried im Bayreuther „Ring“ - Buhs und Jubel zum Abschluss

Tod am Kanalrohr

Ergreifender Tod: Eric Halfvarson als dämonischer Hagen ersticht Siegfried. In dieser Rolle gibt Lance Ryan ein gefeiertes Bayreuth-Debüt. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bayreuth. Schön gestorben ist er. Als es mit dem verletzten Siegfried vor dem Kanalrohr, durch das hier der Rhein fließt, zu Ende geht, hat der neue Bayreuther Heldentenor Lance Ryan sängerisch seinen ergreifendsten Moment. Hier kommen die lyrischen Qualitäten seiner hellen, wenn auch nicht großen Stimme besonders zur Geltung.

Schön gestorben ist nach dieser „Götterdämmerung“ auch der 13. „Ring des Nibelungen“ in der Bayreuther Geschichte. Mit Füßetrampeln für den Dirigenten, Jubel für das Sängerensemble und mit einem Buh-Sturm für den Regisseur wurde die Produktion am Sonntagabend nach fünf Jahren beendet.

Triumph für Christian Thielemann, der mit seinem vielschichtigen Dirigat Maßstäbe setzte, Niederlage für Tankred Dorst, dessen Inszenierungsideen sich nicht zu einer schlüssigen Regie formen wollten. Zu oft war das Weltendrama um den Untergang der Götter- und Heldenwelt, die Dorst in eine Parallelwelt nahe an unseren Alltag verlegt hat, nur bebildert, nicht interpretiert (Bühne: Frank Philipp Schlößmann).

Wie Siegfried seine Brünnhilde durch Liebe erweckt, so verpasst Lance Ryan in seinem Debüt auf dem Grünen Hügel den beiden abschließenden Ring-Teilen eine Frische-Injektion. Im „Siegfried“ wird der junge Kanadier sängerisch von Aufzug zu Aufzug sicherer, freier. Er setzt Akzente in lyrischer Gestaltung („Aber - wie sah meine Mutter wohl aus?“), dazu lässt Christian Thielemann musikalisch fein nuanciert die Sonne aufgehen. Die im Orchestergraben mit arg breitem Pinsel aufgetragenen Schmiedelieder, die erst ganz am Ende lospowern, meistert Ryan mit viel Stehvermögen.

Der zierlich-agile Sänger, den die aufgeklebten Muskeln (Bernd Ernst Skodzig) wie eine Comic-Figur aussehen lassen, spendiert darstellerisch eine Fülle an Ideen, gestaltet etwa seinen naiven Helden im „Siegfried“ ganz bewusst als fast noch kindlichen Jungen, der dem faszinierend-unbekannten Weib, das er aus der Rüstung befreit, seine Steinschleuder schenken möchte.

Uneinheitlich ist Ryans Wirken in der „Götterdämmerung“. Hier werden seine stimmlichen Grenzen spürbarer, manche Enge, das Fehlen gesanglicher Bögen. Dass Thielemann im Abschlussjahr manche Szenen breit und unagil dirigiert, macht es dem Kanadier sängerisch nicht leichter.

In ihrer Sterbevorbereitung in der „Götterdämmerung“ wie im Liebesduett im „Siegfried“ dreht Linda Watson als Brünnhilde ihren gleißenden Sopran ein paar Nuancen herunter und verströmt sinnlich-warme Fülle. Aus dem souveränen Ensemble ragen ferner Christa Mayer als melancholische Waltraute, Eric Halfvarson als dämonischer Hagen und Wolfgang Schmidt als hochpräsenter Mime heraus.

Die Wagner-Schwestern wollen den nächsten Bayreuther „Ring“ 2013 wohl an vier Regisseure geben. Vielleicht erleben sie nach Abschluss der Dorst-Inszenierung einen ähnlichen Gemütszustand wie Siegfried in der „Götterdämmerung“ nach seinem Entzauberungs-Trank. Vier Regiehandschriften, das minimiert das Risiko in der Gestaltung des 16-Stunden-Werks. Trotzdem schade, wenn eines der genialsten musikalischen Projekte des 19. Jahrhunderts dadurch gezähmt werden soll wie Kriegerin Brünnhilde.

Von Bettina Fraschke

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