Kapitalismuskritik mit Schmäh: Das Meisterwerk der österreichischen Band Ja, Panik

So verhuscht wie ihre Lieder sind auch ihre Bandfotos: Sänger Andreas Spechtl (rechts) und seine Kollegen von Ja, Panik sind von Wien nach Berlin gezogen. Foto: Staatsakt

Dass das mit Ja, Panik einmal etwas Großes werden würde, ahnte man schon im März vergangenen Jahres im Kasseler Schlachthof, als Drummer Sebastian Janata samt Schlagzeug umfiel. Der Auftritt des österreichischen Quintetts dauerte nur 60 Minuten, die Songs waren ungeschliffen und alles andere als perfekt gespielt, aber trotzdem hatte all das etwas Magisches.

Nun scheint das deutsche Feuilleton vor Begeisterung zusammenzubrechen wie damals das Schlagzeug. Schon bevor am Freitag die neue CD mit dem kryptischen Titel „DMD KIU LIDT“ erschienen war, prophezeiten Kritiker, dass sie das „potenziell wichtigste deutschsprachige Album des Jahres“ werde. Nun heißt es, seit Blumfelds „L’etat et moi“ aus dem Jahr 1994 habe es nicht mehr ein solches Album gegeben. Es ist schwer, all dem zu widersprechen, wenn man die 15 Songs gehört hat.

Bislang galten die Musiker aus dem Burgenland, die erst nach Wien zogen und nun in Berlin wohnen, als verkopfte Diskursrockband. Das lag auch daran, dass sie neben ihren drei bisherigen Alben auch ein Manifest veröffentlichten, das aussah wie ein gelbes Reclam-Büchlein. Sänger Andreas Spechtl war schon ein bisschen genervt, dass Ja, Panik „immer nur über unsere Texte wahrgenommen“ wurden.

Daher hat der 26-Jährige mit seinen Kollegen nun Lieder geschrieben, die auch auf der Akustikgitarre funktionieren. Es ist Kammerrock mit melancholischen Melodien, die an Velvet Underground, Bryan Ferry und Billy Bragg erinnern. Wichtiger als die Gitarre ist nun das Piano, und zwischendurch erklingt ein Streicherquartett. Das heißt aber nicht, dass Spechtl nichts mehr zu sagen hätte.

Im 14-minütigen Titelstück singt er in seiner ebenso eigenartigen wie wunderschönen Kunstsprache aus Deutsch, Englisch und Wiener Schmäh über die Vereinzelung des modernen Großstadtmenschen und das Drama in uns allen. Der Titel steht für „Die Manifestation des Kapitalismus in unseren Leben ist die Traurigkeit“. Die Musik erinnert an Falcos „Jeanny“ und Bob Dylans „Sad Eyed Lady of the Lowlands“ und endet wie beim Komponisten John Cage mit zehn Minuten Stille.

In „Trouble“ zitiert Spechtl den Philosophen Walter Benjamin. Ein anderes Mal lässt er Chris Korda, den umstrittenen Gründer der Religionsgemeinschaft Church of Euthanasia, mit der Parole zu Wort kommen: „Save the planet, kill yourself.“ Man muss sich nach „DMD KIU LIDT“ nicht umbringen: Dieses unglaubliche Album wird nicht den Planeten retten, aber vielleicht einen selbst.

Ja, Panik: DMD KIU LIDT (Staatsakt/Rough Trade). Wertung: fünf von fünf Sternen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.