Interview: Ausstellungsmacher Klaus Siebenhaar über die bevorstehende Schau chinesischer Kunst

Kassel, eine Stadt der Harmonie

Bringen chinesische Kunst nach Kassel: Mitarbeiter Chen Kuangdi und Prof. Dr. Klaus Siebenhaar. Foto: Konrad

Kassel. Am 2. Oktober wird in Kassel die größte Ausstellung chinesischer Kunst im Rahmen des Kulturjahres Chinas in Deutschland eröffnet. Bei dem Projekt werden unterschiedliche Formen von Kunst im öffentlichen Raum gezeigt. Prof. Dr. Klaus Siebenhaar von der Freien Universität Berlin hat die Ausstellung zusammen mit zwei chinesischen Kollegen kuratiert. Wir sprachen mit dem Kulturmanager, der in Kassel aufgewachsen ist.

Herr Prof. Siebenhaar, was erwartet die Kasseler bei der Ausstellung?

Klaus Siebenhaar: Es wird eine Mischung sein aus richtig spektakulären Kunstwerken, aus überraschenden, auch fremden und im Einzelfall vielleicht sogar irritierenden Arbeiten. Ganz bestimmt wird man einen starken Eindruck von der Vielfalt zeitgenössischer chinesischer Kunst bekommen.

Wie viele Künstler sind beteiligt, wie wurden sie ausgewählt?

Siebenhaar: Einschließlich der Künstler, die nur bei der Eröffnung ihre multimediale Performance zeigen, sind es 24. Ausgewählt wurden sie von drei Kuratoren, dem Leiter des National Art Museum of China, Fan Di’An, Prof. Yu Ding von der Central Academy of Fine Arts, der Kunstakademie in Peking, und von mir selbst. Wir haben auf unterschiedliche Weise gesucht und sind fündig geworden. Auch wir als deutsche Partner haben Künstler vorgeschlagen und uns dann zusammen mit den chinesischen Partnern auf die endgültige Auswahl geeinigt. Es gab auch unterschiedliche Meinungen zu einzelnen Künstlern, aber da wir uns wechselseitig vertrauen, gab es keinen wirklichen Dissens.

Es wurde bereits der Vorwurf geäußert, es handele sich hier um systemkonforme Staatskunst. Wie sehen Sie das?

Siebenhaar: Der größte Auftraggeber in China ist für alle Künstler der Staat, da es sich um ein staatskapitalistisches System handelt. Das muss man vorausschicken. Im Übrigen sind Künstler dabei, die an den großen Kunstakademien lehren, andere würde man als independent, also unabhängig, bezeichnen. Einige haben nicht einmal an einer Kunstakademie studiert. Es sind solche dabei, die frei arbeiten, es sind auch Künstler dabei, die seit 20 Jahren im Ausland leben und teilweise verboten waren. Manche beschäftigen sich mit bisher tabuisierten Themen wie Homosexualität oder Umweltzerstörung.

Handelt es sich also um eine repräsentative Auswahl?

Siebenhaar: Ich maße mir nicht an zu sagen, die Auswahl ist repräsentativ für alle Künstler in China. Aber wir haben schon versucht, möglichst unterschiedliche und auch konträre Positionen hineinzunehmen. Ich sehe der Diskussion über dieses Projekt völlig entspannt entgegen.

Welche Formen von Kunst wird es geben, was sind die Inhalte?

Siebenhaar: Es gibt Werke, die bestimmte Stile in der Kunstwelt repräsentieren wie Pop Art oder Minimal Art. Es gibt aber auch Positionen, gerade bei jüngeren Künstlern, bei denen man merkt, wie sehr sie mit der großen kulturellen und künstlerischen Tradition ihres Landes ringen. Da spielt beispielsweise Kalligrafie eine gewisse Rolle. Zugleich findet sich immer ein Gegenwartsbezug, indem sich die Künstler mit Fragen von Natur und Ökologie oder auch mit gesellschaftlichen Umbrüchen beschäftigen. Und es gibt eine zweite Perspektive für alle Künstler, das ist Kassel.

Welche Rolle spielt die Stadt bei den Arbeiten?

Siebenhaar: Die Künstler haben sich Kassel richtig erarbeitet. Die meisten haben die Stadt selbst erkundet und sich mit der Geschichte Kassels beschäftigt. Vor allem mit der Erfahrung des Krieges und der Zerstörung. Besonders fasziniert die Künstler, dass hier die Landschaft in die Stadt hineinreicht. Es gibt nicht die brutale Trennung von Landschaft und Stadt, von Natur und entfesselter Urbanität, wie sie sie kennen. Sie empfinden hier eine Harmonie von Landschaft und Stadt. Und sie lassen sich darauf ein. Es ist das erste Mal, dass eine chinesische Ausstellung in Deutschland so auf einen Ort bezogen ist. Die meisten Arbeiten wurden speziell für Kassel geschaffen.

Wo in der Stadt wird die Kunst zu sehen sein?

Siebenhaar: In der Innenstadt zwischen Königsplatz und Rathaus, in der Treppenstraße bis hinein in die Neue Fahrt, auch hinunter bis in die Karlsaue. Und auch an einem für Chinesen magischen Ort, dem Weinberg. Das Zentrum der Stadt und die Orte, an denen Natur unmittelbar erfahrbar ist, bilden den Parcours.

Befindet sich alles frei zugänglich im öffentlichen Raum?

Siebenhaar: Ja, und der deutsche Titel der Ausstellung - der chinesische lautet etwas anders - heißt: Alles unter dem Himmel gehört allen. Das ist das Leitmotiv.

Von Werner Fritsch

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