Hinter jedem Bild ein Schicksal: Kasseler Kunstverein zeigt beeindruckende Fotografien

Dies ist keine Siegerpose: „Bin Jawad, Libyen, März 2011. Als die Front unter Beschuss durch Regierungstruppen gerät, treibt ein libyscher Rebell die Menschen zur Flucht an.“ So hat Anja Niedringhaus das Bild betitelt. Fotos:  nh

Kassel. US-Marineinfanterist Blas Trevino rettet sich nach einem Schuss in den Bauch in einen Lazaretthubschrauber. Eine Irakerin flieht mit ihrem Kleinkind vor Gefechten. Ein deutscher Soldat feiert mit brennenden Kerzen im Gebirge im Norden Afghanistans seinen 34. Geburtstag.

Jede der phänomenalen Aufnahmen der Fotografin Anja Niedringhaus, die der Kasseler Kunstverein zurzeit zeigt, steht für eine individuelle Geschichte.

„Immer steht der Mensch im Vordergrund“, sagt Jean-Christophe Ammann, ehemaliger Leiter des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, der Niedringhaus am 3. September in der Kasseler Kunsthochschule befragen wird. Es sind Soldaten, die töten, genauso wie Kinder, die Krieg spielen. Niedringhaus kommt allen ganz nah, sie begibt sich in die Schützengräben, die Hubschrauber und Hospitäler, sie geht mit auf Patrouille. Im Irak, in Libyen, im Gazastreifen.

Die Glaubwürdigkeit ihrer Fotografien liegt in dieser persönlichen Zeugenschaft begründet. Niedringhaus versucht immer, die Namen der Abgebildeten und ihr Einverständnis zur Veröffentlichung zu erhalten. In der aktuellen Diskussion um die Frage nach Echtheit und Manipulation von Handy-Fotos und -Videos aus Syrien, die von allen Parteien instrumentalisiert werden, ist das ein konservativer, ja altmodischer Standpunkt, wie er Generationen von Kriegsfotografen geprägt hat. Niedringhaus steht mit ihrem Einsatz, mit ihrer Reputation für die Wahrhaftigkeit der Bilder ein. Aber hat dieser Ehrenkodex noch Gültigkeit? Kann dieser aufwendige Journalismus noch finanziert werden? Und ist er gleichzeitig auch Kunst?

Selbst wenn Niedringhaus in Feuergefechten nicht an eine kunstvolle Komposition denken kann, steht ihre Arbeit in der großen Tradition von Foto-Künstlern, für die etwa die 1947 gegründete Agentur Magnum steht. Sie findet zurecht den Weg in Museen wie die C/O-Galerie Berlin, wo sie 2011 ausgestellt hat.

Die 33 Abzüge, die im temporären Kunstvereinsheim zu sehen sind, haben alle eine ausführliche Bildunterschrift. Weil die Geschichten, die sie mit dem Auslöser auf die Hundertstelsekunde genau so brillant auf den Punkt bringt, mit der Aufnahme nicht enden. „Nach dem Foto ist für sie nicht Schluss“, sagt Bernhard Balkenhol, der die eindrucksvolle Schau mit Susanne Jakubczyk kuratiert hat. Es kommt vor, dass Niedringhaus das Schicksal von Verwundeten und Militäreinheiten länger verfolgt.

Manchmal führen die Bilder auch in die Irre: Eines zeigt, wie lachende Afghanen kanadische Soldaten fotografieren, ein friedliches Bild von Verständigung. Als die Patrouille kurz darauf das Dorf verließ, wurde sie mit Handgranaten angegriffen.

Bis 3.9., Kasseler Kunstverein, Werner-Hilpert-Str. 23, täglich 18-24 Uhr (Treffpunkt/Laden 14-24 Uhr). Tel. 0561/771169, www.kasselerkunstverein.de, am 3.9., 19 Uhr, Gespräch im Hörsaal der Kunsthochschule.

Zur Person

Wenn man im Bildarchiv unserer Zeitung den Namen Anja Niedringhaus (46) eingibt, findet man zuerst Bilder des olympischen Tennisturniers und von Sprinter Usain Bolt in London. Die Sportfotografie, bei der es wie bei Aufnahmen im Krieg auf den richtigen Moment ankommt, wo nichts inszeniert wird, ist das zweite Standbein und ein wichtiger Ausgleich für die 1965 in Höxter geborene Fotografin. Seit 2002 fotografiert sie im Auftrag der Agentur Associated Press (AP). 2005 wurde sie mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Niedringhaus lebt in Genf. Sie ist oft in Kaufungen (Kreis Kassel), wo ihre Schwester zu Hause ist.

Von Mark-Christian von Busse

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