Inszenierung mit drastischen Bildern

Opernpremiere in Kassel: Mozarts "Idomeneo" als Schreckensgeschichte

Chaos am Königshof: Idomeneo (Lothar Odinius) mit Sohn Idamante (Maren Engelhardt, Mitte) und der Trojanerin Ilia (Elizabeth Bailey, rechts).
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Chaos am Königshof: Idomeneo (Lothar Odinius) mit Sohn Idamante (Maren Engelhardt, Mitte) und der Trojanerin Ilia (Elizabeth Bailey, rechts).

Bei der Kasseler Premiere der Mozart-Oper "Idomeneo" hat Lorenzo Fioronis Inszenierung mit ihren teils drastischen Bildern für Irritationen gesorgt.

In keinem anderen Werk Mozarts ist derart eindringlich von Tod und Verzweiflung, von unerträglichen Zuständen, von Angst und Hoffnungslosigkeit die Rede wie in der Oper „Idomeneo“.

Der Titelheld, König von Kreta, kehrt schwer lädiert vom trojanischen Krieg heim, und hat, um sich in einem schweren Unwetter zu retten, dem Meeresgott Neptun ein Menschenopfer gelobt – den ersten Menschen, den er an Land erblicken wird. Zu seinem Entsetzen ist es sein eigener Sohn Idamante.

Es ist der Beginn einer kretischen Schreckensgeschichte, die im Original mit einem finalen göttlichen Gnadenurteil zum Guten gewendet wird. In der Kasseler „Idomeneo“-Inszenierung, die am Samstag im nicht ganz vollbesetzten Opernhaus Premiere hatte, bleibt nicht nur dieses Happy End – zu Mozarts Zeit „lieto fine“ genannt – aus. Regisseur Lorenzo Fioroni stülpt auch das Leid und die Traumatisierungen der Figuren nach außen – und macht sie in versehrten Körpern und übersprungsartigen Aktionen sichtbar.

Diese teils verstörenden Bilder stießen nicht bei allen im Publikum auf Zustimmung, sodass es am Ende neben viel Beifall für die musikalischen Akteure zahlreiche Buhs (bei wenigen Bravos) für das Regieteam gab, zu dem neben Fioroni auch Bühnenbildner Ralf Käselau und Kostümbildnerin Annette Braun zählen.

Was macht es mit Mozarts Musik und mit den Figuren, wenn sie mit umgehängten Fettbäuchen, schlaffen Brüsten und in Strapsen agieren, wenn Idomeneo eine totenkopfähnliche Maske trägt und sein Körper von schorfigen Wunden gezeichnet ist?

Dunkle Seite von Mozarts Musik

Tatsächlich wird die Wahrnehmung auf die dunkle Seite von Mozarts Musik gelenkt, die zwar mit den Konventionen ihrer Zeit nicht bricht, aber in den dramatisch aufgeladenen Rezitativen und eindringlichen Arien mit ihren ungewöhnlich komplexen instrumentalen Begleitfiguren einen düsteren Sog entwickelt. Fioronis Inszenierung wirkt hier verstärkend.

Am Boden zerstört: Idomeneo (Lothar Odinius).

Und doch entstehen auch Momente, in denen sich die Musik quasi über die Handlung erhebt – etwa die hochdramatische, koloraturengesättigte Arie Idomeneos „Fuor del mar“ („Chaos tobt in meiner Seele“). Mit großer Strahlkraft gesungen von Charles Workman, der dem stimmlich indisponierten und daher stumm agierenden Lothar Odinius vom Bühnenrand aus seine Stimme lieh.

Ähnlich auch das Quartett im dritten Akt, in dem Idomeneo, Idamante sowie die beiden ihn begehrenden Frauen, Ilia und Elektra, ihre gegensätzlichen Gefühlslagen artikulieren und sich im gemeinsamen Satz „Das Herz will mir zerspringen“ finden – ein grandioser Moment. Beeindruckend, wie Jörg Halubek als musikalischer Leiter mit den Sängern und dem Staatsorchester Mozarts Musik in jedem Moment expressiv auflädt und gleichzeitig weit ausgreifende Spannungsbögen erzeugt.

Inszenierung mit drastischen Bildern

Maren Engelhardts Idamante vereint stimmliche Kraft und Dringlichkeit, Elizabeth Bailey begeistert als Ilia mit einer herrlich reinen Mozartstimme und Vida Mikneviciute gibt der Elektra mit einer tollen Wutstimme Profil.

Tenorglanz verströmt Younggi Moses Do als Idomeneos Vertrauter Arbace, und Bassem Alkhouri ist ein eindringlicher Neptun-Priester. Sehr starke Akzente setzt der Opernchor als Stimme des gequälten Volkes.

Am Ende findet die Inszenierung bei aller Kraft, aus der Mozart-Behaglichkeit aufzustören, aus einem Dilemma nicht heraus: Indem sie den handelnden Personen ihr Leid plakativ aufklebt, macht sie aus Individuen Bühnenfiguren. Was Fioroni als Grundfrage des „Idomeneo“ begreift: Können sich Menschen mittels Vernunft vor dem Verderben retten?, beantwortet er negativ: Idomeneo tötet Idamante, bevor die rettende Stimme (Marc-Olivier Oetterli) ertönt. Die Oper endet nicht mit dem üblichen Triumphchor, sondern verebbt im traurigen Andante aus Mozarts Sinfonia concertante für Violine und Viola KV 364, während die Lichter ausgehen und sich der Vorhang senkt.

Für die Oper "Idomeneo" verwandeln sich die Darsteller in Kriegsversehrte. Die Kostüme mit dem kaputten Look sind umstritten und bringen die Kasseler Sänger ganz schön ins Schwitzen.

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