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Kassel: Museum Schloss Wilhelmshöhe feiert die Tapeten der 1970er-Jahre

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Von: Mark-Christian von Busse

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Zeitreise: In der Ausstellung wurden für die 1970er-Jahre typische Einrichtungen rekonstruiert. Charakteristisch sind die schrillen Farben und die auffälligen Muster.
Zeitreise: In der Ausstellung wurden für die 1970er-Jahre typische Einrichtungen rekonstruiert. Charakteristisch sind die schrillen Farben und die auffälligen Muster. © Andreas Fischer

Die Museumslandschaft Hessen Kassel geht mit der 70er-Jahre-Ausstellung „Op, Pop, Top!“ im Schloss Wilhelmshöhe in vielerlei Hinsicht neue Wege.

Kassel – Knallige, grelle Farben, skurrile Alltagsobjekte in altehrwürdigen Schlossgemäuern. Ein Jugendzimmer mit Abba-Postern und „Bravo“-Heften, wo sonst wertvolle Gemälde und kostbare Zeichnungen hängen. Die Beteiligung von Besuchern, die Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt haben. Und eine Zeitschrift für 7,50 Euro statt eines viel teureren konventionellen Katalogs.

Ausgangs- und Schwerpunkt der Schau sind Tapeten der 1970er-Jahre. Doch es geht allgemeiner um Wohnkultur, Konsum, ja um das Lebensgefühl in einem Jahrzehnt des Aufbruchs: um die Epoche von Flower Power, Farbfernsehen und Frauenbewegung. Werbung für eine neue Wandgestaltung ist da nur der einladende Auftakt der Ausstellung („Die Deutsche Tapeten-Gemeinschaft vertreibt die rohen Wände mit einer bunten Tapete“). Es sind sagenhaft schrille, überkandidelte, bisweilen sogar psychedelische Entwürfe.

„Right Hand Lady“ aus der „xartwalls“-Reihe.
„Right Hand Lady“ aus der „xartwalls“-Reihe. © Andreas Fischer

Astrid Wegener, Leiterin des Deutschen Tapetenmuseums, hatte aufgerufen, Fotos und Exponate aus den 70ern zur Ausstellung beizusteuern. „Ich war überwältigt von der Resonanz“, erzählt sie. Zahlreiche Leihgaben sind ausgestellt – eine Box für Musikkassetten, ein tragbarer Fernseher, Telefon und Schreibmaschine, bevorzugt in Orange. Alles unter Plastikhauben, die an die Kapseln in Wim Thoelkes „Der große Preis“ erinnern.

Dann wieder fühlt man sich in die „Dalli Dalli“-Kulisse versetzt. Den Älteren ermöglicht die Rekonstruktion eines Wohn- und eines Jugendzimmers eine vergnügliche Zeitreise in die eigene Vergangenheit, Jüngere werden staunen über manche geschmackliche Extravaganz der Hippie- und Pop-Art-Ära. Ein ausgefallenes Dackel-Muster wurde gestaltet von der dänischen Sängerin und Moderatorin Vivi Bach („Wünsch dir was“).

Zu den Höhepunkten zählen vergilbte, vergrößerte, auf Karton gedruckte Familienfotos. Astrid Wegener hat zu den Einsendungen aus den Fotoalben die jeweilige Tapete von Herstellern wie Rasch, Erismann, Bammental und Hildesia ermittelt – auch als Besucher kann man in alten Musterbüchern blättern.

Werbung der 1970er-Jahre in einer Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel.
„Jeder hat das Recht auf seine Tapete“: Werbung der 1970er-Jahre begrüßt die Ausstellungsbesucher. © Andreas Fischer

Es war Anfang der 70er absolut hip, wenn „Schöner wohnen“-Anregungen aus der Tapetenzeitung direkt in die Wohnzimmer wanderten: Osterschmuck in Großenritte steht vor dem Muster „Blues“ der Marburger Tapetenfabrik, ein Vellmarer Jugendzimmer ist in mutigem geometrischem Gelb-Orange-Grün (Modell „Reise 77“) gehalten, eine Couch in Wolfs-anger vor gediegenem Braun-Orange platziert.

Populär waren auch Fototapeten – Wald, Strand und Sonnenuntergang in den eigenen vier Wänden. Manche Familie muss sich auch gefühlt haben wie in einem Op-Art-Bild von Bridget Riley und Victor Vasarely, oder im farbenfrohen Gemälde eines Roy Lichtenstein.

Telefon mit Wählscheibe in Orange.
Die Farbe der 70er: Telefonapparat mit Wählscheibe in Orange. © Andreas Fischer

Der letzte Raum der herrlichen Ausstellung gehört tatsächlich der Kunst. 1972 waren bei der documenta 5 in der Turnhalle der Gerhart-Hauptmann-Schule (dem heutigen Dock 4) „xartwalls“ ausgestellt – eine von prominenten Künstlern wie Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, Otmar Alt und Paul Wunderlich entworfene Kollektion, die die Marburger Tapetenfabrik realisiert hat.

Wer mehr erfahren will, findet im passend „more about“ betitelten Magazin eine Fülle an unterhaltsamem Lesestoff. Eingerichtet hat die Ausstellung das Büro „Homann, Güner, Blum. Visuelle Kommunikation“ Hannover, das auch die Gestaltung des am Brüder-Grimm-Platz geplanten Tapetenmuseums übernehmen wird. Die Schau für den documenta-Sommer ist eine erste Visitenkarte – und ein toller Vorgeschmack.

Bis 25. September, Di-So 10-17 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Eintritt 6 (4) Euro, bis 18 J. frei. Rundgang am 1. und 3. Sonntag, 15 Uhr; Tapetenwerkstatt (ab 8 Jahren) jeweils am 1. Samstag im Monat, 14-16 Uhr. Infos: museum-kassel.de

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