1. Startseite
  2. Kultur

Kasseler Uraufführung von Martin Heckmanns Singspiel „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“

Erstellt:

Von: Kirsten Ammermüller

Kommentare

Stehen in einer menschlichen Pyramide übereinander als Tiere verkleidet: Danai Chatzipetrou (v. o.) als Hihn, Katharina Brehl als Katze, Clemens Dönicke als Hund, Jakob Benkhofer als Esel.
Revolutionsbereite Tiere: Danai Chatzipetrou (v. o.), Katharina Brehl, Clemens Dönicke, Jakob Benkhofer. © Katrin Ribbe

„Warum singt ihr, wenn ihr die Zustände doch eigentlich ändern wollt?“ Eine berechtigte Frage angesichts der unendlich vielen Kritikpunkte, denen sich die revolutionsbegeisterte Schar am Freitag entgegenstellte.

Kassel – Nein, die Rede ist nicht vom weltweiten Klimastreik – dennoch hätte das Datum für die Uraufführung des Singspiels „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ von Dramatiker Martin Heckmanns im Schauspielhaus nicht besser gewählt sein können. Eine zerstörte Welt, wachsende Probleme durch die Klimakatastrophe und der Mensch als selbst ernannte Krone der Schöpfung, der sich Tier und Natur zum Untertan gemacht, dabei aber seine Fürsorgepflicht schlicht aus den Augen verloren hat. Das ist der Rahmen für das Singspiel, mit beeindruckend dichter und gewaltiger Sprachkunst.

Angelehnt an das Märchen der Bremer Stadtmusikanten der Brüder Grimm, lässt Heckmanns den Esel Grau (Jakob Benkhofer), Hund Schlau (Clemens Dönicke) und Huhn Kommun (Danai Chatzipetrou) gegen ihre Besitzer Frau und Herr von zur Mühle (Lisa Natalie Arnold und Hagen Oechel) aufbegehren und das Weite suchen. Jeder für sich führt vor der Flucht einen intensiven Dialog mit seinen Unterdrückern, in dem klar wird: Die Tiere als die Leidtragenden haben ein weitaus realistischeres Bild von der Gesamtlage. „Du bist zu unserem Schutz angestellt“, weisen die Menschen den Hund zurecht, dieser entgegnet: „Euer Sicherheitsbestreben kostet anderswo das Leben.“ Eine Überleitung zur Flüchtlingsthematik, die mit der Katze Schwarz (Katharina Brehl) ein Gesicht erhält. Esel und Hund retten das trächtige Tier aus dem Meer.

Schließlich erhebt sich Huhn Kommun als die Anführerin der Tiere. „Gesang ist der Anklang des Aufstands“, skandiert das Federvieh. Und plötzlich hält es ein Gewehr in der Hand. „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“, bemächtigt sich das Huhn eines Brecht-Zitats und stellt sich in die Nachfolge seiner Heiligen Johanna der Schlachthöfe. Die Henne beherrscht das Revolutionsvokabular kommunistischer Rhetorik einwandfrei.

Friederike Heller greift mit ihrer Inszenierung die im Text angelegten Überschneidungen der Perspektiven auf. Die Bühne von Sabine Kohlstedt ist ein von menschlicher Kälte und Gewinnoptimierung geprägter Raum. Käfige verweisen auf das Thema Massentierhaltung und können als eine Art Showtreppe zusammengeschoben werden – heimelige Gemütlichkeit Fehlanzeige. Demgegenüber stehen die fantasievollen Kostüme. Alle Darsteller steigen ab und an aus ihrer Rolle aus, um über sie zu reflektieren.

Zahlreiche Anklagepunkte werden in eingängige Popsongs verpackt, denn schließlich würde Kritik in dieser Form schöner klingen. Für die Musik ist Masha Qrella verantwortlich. Die ebenfalls als Solomusikerin tätige Komponistin hat eine eingängige und schwungvolle Form für die Songs gewählt. Damit vertont sie Texte die nachdenklich stimmen, wie „Wir sind Tote auf Urlaub, mit einem Körper als Geschenk, der empfängt“, die nachdenklich stimmen. Andreas Bonkowski (Bass, Keyboard und Gesang) sowie Chikara Aoshima (Schlagzeug) sind wie sie mit auf der Bühne.

Entgegen des üblichen märchenhaften „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“, sterben bei Heckmanns alle. Doch im Sterben liegt die eigentliche Erkenntnis: Der Wert des Lebens beruht auf dem Geschenk des physischen Daseins, der Möglichkeit der „Sprache als Gabe und zur Gestaltung der Lage“, wie es in dem Song „Tote auf Urlaub“ heißt. Eine großartige schauspielerische Leistung machte all das zugänglich und greifbar. Langanhaltender Applaus.

Die nächsten Termine: 30.9., 1., 8. und 15.10. staatstheater-kassel.de

Von Kirsten Ammermüller

Auch interessant

Kommentare