Gleißende Verzweiflung: Staatstheater-Abend mit Stücken von Sarah Kane

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Hautfarbene Trikots unterm schwarzen Anzug: Aljoscha Langel (von links), Anke Stedingk, Eva-Maria Keller und Matthias Fuchs sprechen die szenenlosen Texte in Sarah Kanes „Gier“.

Kassel. Wohin schauen wir, wenn vor uns eine Frau verzweifelt? Wenn sie in ihrem weißen BH und der Strumpfhose über dem weißen Slip dasitzt, sich die Hand vors Gesicht schlägt, die Waden aufkratzt, sich bewegt wie ein Automat, immer dieselben Worte ausspuckt?

„Wringen schlitzen schlagen schlitzen treiben flackern blitzen schlagen wringen tupfen flackern schlagen schlitzen.“

Anke Stedingk lässt ihren Blick leer werden, die Augen gerötet, stiert sie in eine unbestimmte Ferne. Sie sitzt auf einem der vielen schäbiggelben Sofas, die Ausstatterin Carolin Mittler auf der Bühne des Theaters im Fridericianum (tif) zu einem Labyrinth zusammengerückt hat, und zeigt eine Frau, die kurz davor ist durchzudrehen.

Martin Schulze inszeniert fürs Kasseler Staatstheater auf der Studiobühne einen Sarah-Kane-Abend. Zwei Stücke, zweimal eine Stunde: das von vier Darstellern präsentierte „Gier“ und dann eben „4.48 Psychose“. Dies wird im Wesentlichen von der beeindruckenden Anke Stedingk allein gemeistert.

Am Sonntag gab es dafür im nicht ganz ausverkauften tif viel Applaus. Im Stimmungsmorast einer Psychose festzustecken, dazwischen aber auch quellklare Geistesmomente zu erleben: Sarah Kane schreibt für dieses psychotische Wechselbad gleißend schöne Sätze. Die britische Autorin hatte sich 1999 mit 28 Jahren das Leben genommen.

Sie erzwingt von den Zuschauern eine Haltung: Das Gesagte geht so unter die Haut, dass man manchmal kaum wagt, den Darstellern ins Gesicht zu schauen. Im zweiten Teil des Abends wird das aber bald zu viel. Es reicht dann, innerlich ist man noch mit dem ersten Stück beschäftigt.

Denn: Trotz aller Qualität in Regie und Schauspiel überzeugt es nicht, beide Werke zusammen zu zeigen. Die Verzweiflungsdosis eines einzelnen und auch die Textschönheit würden für ein beeindruckendes Theatererlebnis völlig ausreichen. Die Doppelung ist zu viel, die Texte nehmen sich gegenseitig die Wirkung. So braucht es nach der Pause einen minutenlangen Anlauf, bis die Intensität wieder hergestellt ist.

Zu Beginn hatten Matthias Fuchs, Aljoscha Langel, Eva-Maria Keller und Anke Stedingk in einer grandiosen Ensembleleistung die Stimmenflut von „Gier“ auf die Bühne gebracht. Liebe, Missbrauch, Lust, Verzweiflung, Einsamkeit und Älterwerden sind Themen, die durch den Raum schwirren, und auch hier muss man als Zuschauer erst mal die Sortierfunktion im Hirn ausschalten, die alle Sätze in ein Geschehen einordnen will. Musiker Dirk Raulf hat John Dowlands Song „Flow My Tears“ mit den Darstellern einstudiert - die wunderschöne Klarheit der 400 Jahre alten Musik kontrastiert die verbale Hoffnungslosigkeit.

Und wenn Matthias Fuchs eine zärtliche Liebeserklärung so spricht, dass einem fast das Herz bricht, ist es im Parkett atemlos still: „Dir sagen, du bist hinreißend und dich in den Arm nehmen, wenn du ängstlich bist und dich halten, wenn’s wehtut und dich wollen, wenn ich dich rieche, und dich anwidern, wenn ich dich berühre, und wimmern, wenn ich dir nah bin, und wimmern, wenn nicht.“

Wieder am 20., 29.9., 6.10., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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