Im Würgegriff der Erfolgsideologie

Eindringlicher Theaterabend im Kasseler Schauspielhaus: "Tod eines Handlungsreisenden"

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Verzweifelt: Happy Loman (Sandro Sutalo, von links), Linda Loman (Caroline Dietrich) und Biff Loman (Hagen Bähr). 

Maik Priebe inszeniert, Enrique Keil überzeugt in der Hauptrolle als Willy Loman. 

Wie gewinnend ist dein Lächeln? Bist du ein toller Typ? Beliebt sein ist das Nonplusultra. Das Indiz des Erfolgs. Willy Loman (Enrique Keil) lebt dafür, stirbt deshalb. „In Boston bin ich eine Größe“ – solche Sätze sagt der arbeitslos gewordene Handelsvertreter, und schon im Aussprechen fühlt er sich bedeutend.

Am Kasseler Staatstheater inszeniert Maik Priebe Arthur Millers Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ als eindringliche Beschäftigung mit dem zerstörerischen Gift der Ideologie, man könne alles schaffen, wenn man nur daran glaubt. Die Premiere im ausverkauften Schauspielhaus wurde am Samstag lang beklatscht.

Ein Businessdeal wird eingefädelt

Am Glücklichsten ist Willy Loman, als er mit den Söhnen Biff (Hagen Bähr) und Happy (Sandro Sutalo) in einer Bar sitzt, Cowboyhüte mit der Südstaatenfahne auf dem Kopf, auf die nostalgischen Barsessel gelümmelt. Er malt sich aus, wie Biff einen wichtigen Geschäftsmann trifft, von ihm ins Büro gebeten wird, sie einen Businessdeal einfädeln. Pures Glück, Willy will, dass es so wird. 

Vielleicht wird es dadurch ja realer. Zumindest ist für Sekunden die Misere der Arbeitslosigkeit und der Schulden auf dem Haus in den Hintergrund gerückt.

Wie ein Junkie nach dem nächsten Schuss lechzt Willy Loman nach der Illusion von Wichtigkeit, Beliebtheit, Erfolg. Dass genau dieses Gieren zu Stagnation führt und die Misere erst zementiert, arbeitet die Inszenierung mit großer Präzision heraus. 

Textpassagen tauchen immer wieder auf, Gespräche landen immer wieder an einem Punkt, wo sie schon waren. Das Leben verläuft hier nicht als Fortschritt, sondern in Zirkeln.

Zweiter Teil mit Guckkasten 

In einem kleinen Guckkasten auf der von Susanne Maier-Staufen (auch Kostüme) gestalteten Bühne werden im zweiten Teil des Abends kurze Szenen immer schneller hintereinander gefügt. Eine Couch, ein kleines Wohnzimmer, ein Sack Erde, mit dem der Garten bestellt wird: Nach jeder Schwarzblende verändert sich die Stimmung leicht, wird das Licht fahler.

Innerhalb der Handlungs- und Gesprächsschleifen beeindrucken die Darsteller mit einem extrem fein justierten Wechsel der Gefühlslagen: Großmannsträumereien münden in Weinen, aus einer liebevollen Umarmung wird Aggression. Wie Enrique Keil innerhalb eines Moments nur mit Mimik und Tonfall aus einer hellsichtigen Selbstanalyse in die Verblendung wechselt, wie sein Willy deshalb nicht mehr mit seinem Sohn sprechen kann, ihn demütigen muss, obwohl er ihn gerade noch geherzt hat, ist beeindruckend präzise gearbeitet und intensiv.

Alles für die Anerkennung 

Sandro Sutalos Happy mit College-Pullunder will sich Daddys Anerkennung erkaufen, in dem er so wird wie er. Hagen Bähr zeichnet in der Figur des Biff das immens vielschichtige Bild der Söhnegeneration zwischen Aufbegehren und Frust über die Unmöglichkeit, mit dem Vater wirklich zu kommunizieren. Weil es keinen echten Austausch gibt, scheinen Sturköpfigkeit und Gewalt die einzigen Optionen.

Hier weitet sich die Inszenierung auch zu einer Bestandsaufnahme der Männerbilder, die eine Gesellschaft im Würgegriff der Erfolgsideologie bereithält. Wie eine Ko-Abhängige spielt Caroline Dietrich die Ehefrau Linda, die die Nöte ihres Mannes erkennt, ihn aber in seinen Illusionen stützt, auch wenn das ins Verderben führt.

Schwierig nachvollziehbare Sequenzen 

Judith van der Werff irrlichtert immer mal über die Bühne in kurzen Begegnungen Willy Lomans mit einer Geliebten in Servierschürze und einer Geldgeberin. Aljoscha Langel im verfilzten Look eines Obdachlosen schlurft herum und spricht die Sätze von Willy Lomans Chef nach, als der ihn entlässt. 

Eine Geisterfigur in Lomans nächtlichem Wahn. Diese Sequenzen sind schwieriger nachzuvollziehen. Aber wenn sich der Clochard dann an einer brennenden Mülltonne wärmt, während über ihm US-Flaggen wehen, scheinen Bezüge ins TrumpLand mit seinen irrationalen Selbstinszenierungen auf, ohne dass sie ausgeführt werden müssen.

Wieder am 22.11., 8., 19.12., Kartentelefon: 0561/1094222.

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