Wagner-Premiere 

"Die Walküre" in Kassel vom Publikum  gefeiert

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Der Walkürenritt: (von links) Siegrune (Marie-Luise Dreßen), Rossweiße (Inna Kalinina), Grimgerde (Marta Herman), Gerhilde (Jaclyn Bermudez), Schwertleite (Ulrike Schneider), Waltraute (Maren Engelhardt) sowie Statisten.

Der zweite Teil von Richard Wagners Opernvierteiler "Der Ring des Nibelungen" am Staatstheater Kassel beeindruckt mit herausragenden Sängern, starken Bildern und einer intensiven Personenregie.

Alles kippt im zweiten Aufzug. Wenn Fricka mit ihrem Göttergatten Wotan abrechnet – und von ihm verlangt, Siegmund zu opfern. Jenen von Wotan gezeugten menschlichen Helden, den Wälsung, der nach seinem Wunsch den Kampf um die Weltherrschaft für die in Verträgen gebundenen Götter ausfechten soll.

Es ist die Schlüsselszene der „Walküre“, des zweiten Teils von Richard Wagners Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“, wenn Fricka als Hüterin der Ehe Wotan die Augen dafür öffnet, dass er im Begriff ist, seine göttliche Macht zu verspielen, wenn er auf ein ehebrecherisches, inzestuöses Zwillingspaar setzt – Siegmund und Sieglinde.

Es ist ein großer, vielleicht der größte Moment in Markus Dietz’ Kasseler Inszenierung der „Walküre“, die am Samstag Premiere hatte, wenn Ulrike Schneider als Fricka und der kurzfristig in die Produktion eingesprungene Egils Silins als Wotan diesen berühmtesten Ehezwist der Operngeschichte austragen. Auf der Passerelle, zum Greifen nah am Publikum, zeigt Ulrike Schneiders Fricka (sie war mit dem Motorrad auf die Bühne gebraust) mit faszinierender stimmlicher Präsenz und Souveränität Wotan die Grenzen auf. Jenem Wotan, den Silins als kraftvollen, in der Höhe strahlenden und auch in der Zerknirschung großartigen Göttervater gibt – der seine Niederlage sogar noch mit einem Kuss besiegeln lassen muss. Wie Trostlosigkeit klingen kann, vermittelte dazu atmosphärisch toll der Orchesterabgesang.

Triumphieren in der Not: Si eglinde (Nadja Stefanoff) und Siegmund (Martin Iliev).

Dabei hatte ja alles hoffnungsvoll begonnen. Hundings Haus, von Bühnenbildnerin Mayke Hegger als mondäne Wohnung mit Hausbar angelegt, ist der Schauplatz einer geschwisterlichen Extrembegegnung. Zwei schwer Traumatisierte treffen aufeinander und entwickeln eine einzigartige Anziehung, in der sich Erotik und der Wunsch nach Errettung in einem ebenso intensiven wie subtilen Spiel vermengen.

Von höchster Komplexität, stimmlich wie darstellerisch, ist Nadja Stefanoffs Sieglinde – Überschwang nah am Abgrund. Auch Martin Ilievs kraftvoller Siegmund (mit etwas weitem Vibrato) ist facettenreich gezeichnet. Yorck Felix Speer zeigt als Hunding mit eiskaltem Bass die Gewalt des Hausherrn. Ob da der Dramapegel noch hochgefahren werden muss, indem eine Frauenleiche die vorangegangenen Gewaltexzesse explizit werden lässt, ist die Frage.

Geben das Innerste preis: Brünnhilde (Nancy Weißbach) und Wotan (Egils Silins).

Dietz’ Regie ist immer da besonders eindrucksvoll, wo die Figuren interagieren – getreu seiner Devise „verstärkend erzählen“. Und es ist faszinierend, wie sensibel dabei die musikalischen Impulse und Stimmungen aufgenommen werden. Etwa im großen Abschiedsdialog, wenn Wotan Brünnhilde, die entgegen seinem Willen Siegmund zu retten versuchte, aus der Götterwelt verbannt. Großes Musiktheater, wie hier zwei Ausnahmesänger, die in ihrer klangvollen Dramatik überragende Nancy Weißbach als Brünnhilde und der grandiose Wotan Silins, allein auf der großen Bühne agieren.

Welch starke Kontraste diese bilderreiche Inszenierung insgesamt bietet, zeigt der Beginn des dritten Aufzugs – der Walkürenritt. Was ziehen die partymäßig überschwänglich feiernden Walküren (Kostüme: Henrike Bromber) da, zunächst unsichtbar, an ihren Leinen? Nicht die von ihnen besungenen Pferde, sondern eingesammelte Walhall-Helden – ein Bild wie aus Pasolinis „120 Tage von Sodom“.

An dieser oft allzu brachial dargebotenen Walkürenmusik zeigt sich besonders die Kunst des musikalischen Leiters Francesco Angelico, auch bei hoher Kraftentfaltung einen geformten, flexiblen Orchesterklang zu bewahren. War der mit „Stürmisch“ bezeichnete Beginn des ersten Aufzugs noch etwas verhalten, so entwickelte sich in der Folge ein höchst spannungsreicher und farbintensiver Orchesterklang, fein ausbalanciert zwischen Vorwärtsdrängen und Innehalten.

Das Premierenpublikum bedankte sich mit Jubel, Standing Ovations und rhythmischem Klatschen.

Wieder am 16., 23. und 31. März, 13. und 28. April, jeweils 17 Uhr. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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