Film läuft am heutigen Mittwoch um 20.15 Uhr

Kasseler Drehbuchautorin schreibt ARD-Familiendrama „Unser Kind"

+
Will er wirklich nur helfen? Ellen (Susanne Wolff) ist skeptisch, mit welcher Motivation sich Großvater Johannes (Ernst Stötzner) um ihr Kind Franz kümmert.

Im Ersten ist mit "Unser Kind" am Mittwoch ein Film zu sehen, für den die Kasseler Autorin Kristl Philippi das Drehbuch geschrieben hat. Wir haben mit ihr über ihren ersten großen Film gesprochen.

Ein lesbisches Paar bekommt ein Baby. Die biologische Mutter stirbt bei einem Unfall. Zurück bleibt ihre Partnerin, die erschreckt realisiert, dass sie dem Kind gegenüber keine Rechte hat, weil sie es noch nicht adoptieren konnte. Der Samenspender entdeckt auf einmal sein Interesse an dem Baby – wie die Eltern der Verstorbenen. In dieser völlig verzweifelten Situation ist die Protagonistin im ARD-Drama „Unser Kind“ von Nana Neul (Regie) und der Kasseler Drehbuchautorin Kristl Philippi, deren erster großer Film dies ist.

Ein wenig bekanntes, bestürzendes Thema. Wie kamen Sie darauf?

Kristl Philippi: Über meinen Freundeskreis. Zwei Freundinnen waren ein richtig tolles Paar. Als sie ein Kind bekamen, gab es die Möglichkeit der Stiefkindadoption nicht. Die nicht-leibliche Mutter hatte keine Rechte an dem Kind und entwickelte starke Ängste, Kind und Partnerin zu verlieren. Das hat die Beziehung massiv beeinflusst. Sie sagte mir, wenn alles gut ist, verspricht man sich das Beste. Aber du weißt nie, was Menschen dann in Extremsituationen machen. Das hat mich berührt und auf die Idee gebracht, darüber zu schreiben.

Wie sind Sie als Autorin das Projekt angegangen?

Philippi: Mit ausführlicher Recherche. Ich habe mit Menschen aus Regenbogenfamilien gesprochen, war bei Beratungsstellen und in Internetforen unterwegs.

Was ist wichtig bei dieser Recherche?

Philippi: Die Gesprächspartner nicht zu werten. Ich habe versucht, mich in diese Menschen – und dann in meine Figuren – hineinzuversetzen.

Wie geht es dann weiter?

Philippi: Es ging so weit, dass ich beim Gestalten einer Figur auf die anderen Figuren leicht sauer wurde. Ich habe also immer wieder abgeglichen, ob ich mit meiner Empathie gerade zu lang bei einer Figur bin und jemand anderes womöglich hinten runter fällt.

Man kann die Motivation aller Figuren nachvollziehen.

Philippi: Ja, die wollen sich gegenseitig nicht zerfleischen. Aber dann entsteht doch eine Dynamik, die heftig ist...

...etwa bei dem leiblichen Vater, der in einer Szene der trauernden Witwe mit ihrem Baby einfach nur helfen will. Sie ist aber empört und weist ihn zurück.

Philippi: Ja, genau. Diese Ambivalenzen sind auch das Verdienst von Darstellerin Susanne Wolff, die ich für die Figur der Ellen schon beim Schreiben im Kopf hatte.

Was zeichnet diese Schauspielerin für Sie aus?

Philippi: Sie hat bei aller Schönheit etwas leicht Sperriges. Die Ellen ist ja kein Opfer, sie denkt nicht, sie muss allen gefallen. Und sie hat auch ihre Ängste, die durchaus wirkmächtig sind.

War es schwierig, den WDR vom Stoff zu überzeugen?

Philippi: Eigentlich nicht, die Redaktion hat das Projekt von Anfang an unterstützt. Das lag aber nicht allein an Thema und Erzählweise. Die waren auch an einer besonderen Inszenierung interessiert.

Was zeichnet die aus?

Philippi: Ich kenne niemanden, der wie Nana Neul inszeniert, also das Dramatische mit so einer Leichtigkeit verbinden kann.

Es gibt zwei Erzählebenen, die Gegenwart und die Vergangenheit, die nicht klar getrennt werden, was selten ist.

Philippi: Das fügt sich gut ineinander, besser als wir erst dachten. Stefan Stabenow, der Cutter, hat die Wechsel dann noch feiner auseinanderdifferenziert, er hat gesehen, dass man beim Zusehen die Zeitebenen gut zuordnen kann.

Was zeichnet das Projekt sonst noch aus?

Philippi: Die Musik. Darstellerin Britta Hammelstein hat die tollen Songs selbst gesungen. Und etwas, was so gut ist, dass man es nicht sieht: Das Masken- und Kostümbild. Die Darsteller dürfen ganz unverstellt bleiben, als hätten die sich selbst schnell einen Zopf gemacht, und als wären sie wirklich ungeschminkt beim Zu-Bett-Gehen. Das gibt es im Fernsehen selten.

Haben Sie als Autorin Einfluss auf Dreh oder Schnitt?

Philippi: Bislang normalerweise nicht. Ich konnte aber meine Meinung zum Cast und zum Rohschnitt sagen, das ist noch recht unüblich.

Im Sommer ist die Initiative Kontrakt 18 gestartet, in der Drehbuchautoren mehr Anerkennung und Mitsprache fordern. Das wird langfristig etwas bewegen.

Zur Person:

Kirstl Philippi (44, lebt in Kassel und Berlin) aus dem rumänischen Brasov wuchs in München auf. Studium der Romanistik, Theater-, Film und Fernsehwissenschaften. Filmredaktion bei 3Sat, dann Dramaturgin und Lektorin, seit 2017 Redakteurin beim ZDF. Sie hat mit Klaus Stern gerade den Hessischen Filmpreis für das Drehbuch „Wolf of Kassel“ erhalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.